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::: Ein Text von Ernst Faber aus dem Jahr 1894, hier erstmals 2023 als offene


Online-Textversion in


heutiger und gut lesbarer Schrift ... und für alle, die um diese Dinge forschen ...


und/oder für alle, die über die Kuriosa unserer Existenz und die vielfältigen


Abgründe des Lebens nachdenken.

 

 

ERNST FABER


China in historischer Beleuchtung.    
Eine Denkschrift zu seinem 30jährigen Dienstjubiläum als Missionar in China von Missionar Dr. theol. Ernst Faber in Shanghai.


Berlin, Druck und Verlag von A. Haack, 1895.

 



 

 

Seit 1885 wohnte Faber in Shanghai und arbeitete von Shanghai aus.


In China eingetroffen war er am 25.4.1865, an seinem 26. Geburtstag.


Er war vorher, vor 1895, dem Publikationsdatum hier, etliche Jahre in Fumun tätig gewesen, im Großraum Kanton, Hongkong, Macao gelegen, am Perlflussdelta, in der heutigen Provinz Guangdong, früher Provinz Kanton/Canton/ Kwan Tung. Siehe die heutige Karte online bei dem nun folgenden Link.


www.openstreetmap.org/#map=13/22.8148/113.6726

Trotz der schwer lesbaren (ausschließlich chinesischen) Beschriftung habe ich dennoch OpenStreetMap genommen. Warum? Andere map-Anbieter (die Koordinaten sind übrigens oben im Link drin, falls Sie woanders gucken wollen!) haben so viele Cookies und so viel Tracking, dass mich eine gewisse "Übelkeit" befällt. OpenStreetMap hat (heute, 9.10.2023, lediglich) einen "matomo"-Tracker, auf den ich natürlich auch gut verzichten könnte. Aber man darf sich eine "reine" und völlig überwachungsfreie Welt leider nicht "backen", man kann sich für eine solche Welt aber immerhin schon mal einsetzen. Zum Beispiel durch solche Bemerkungen wie diese hier. Leider sind auch etliche (ja, auch deutsche! Die sind da nicht besser als andere!) online-Presseorgane so sehr mit diesem fiesen Orwell-Spionage-Zeugs voll, dass man sich schütteln muss.


Rück-Auslandsaufenthalte in Deutschland hatte er offenbar nur 1876 (evtl. auch noch bis ins Jahr 1877?) und 1881.


Er tritt aus seiner (ersten) Missionsgesellschaft, der Rheinischen Missionsgesellschaft, aber nach theologischen Disputen um die Missionsarbeit aus. Nach einer Zwischenzeit ohne Zugehörigkeit zu einer Mission ist er dann ab 1885 neu als Missionar für den und bei dem Allgemeinen Evangelischen Missionsverein, AEPM (heute bekannt als Ostasienmission). Dienstsitz Shanghai.

Im April 1898 zog Faber nach Tsingtau (heute als Qingdao), in die kurz zuvor entstandene deutsche Kolonie, die aber formell mit einem "Pachtvertrag" für ein noch größeres Gebiet namens Kiautschou (Teil der Shandong-Halbinsel, auch bekannt als Schantung/Shantung) erlangt wurde. (Pacht? Keine Kolonie? – Trick 17, würde man da sagen wollen.) Er sollte dort eine neue Missionsstation für den AEPM aufbauen.


Von hier aus unternahm er noch Reisen nach Tianjin, Peking und in die Provinz Shandong. In diesem Jahr erkrankte er aber auch. Am 26. Februar 1899 starb Ernst Faber in Tsingtau.


Bei seinem Tod hatte er rund 32/33 Jahre China-Aufenthalt hinter sich, man müsste (sofern man präzise Daten hat/hätte) die genauen Deutschland-Zeiten abziehen und dann alles zusammenrechnen, um die genaue Aufentshaltsdauer in China zu bestimmen. Es sind in jedem Fall am Ende über drei Jahrzehnte, das ist eine sehr lange Zeit. Allerdings: In Peking, der Hauptstadt, als ein Beispiel, war er in diesen vielen Jahren, zumindest bis 1895, nicht. (Siehe Seite 61 in diesem Faber-Text von 1895 [Druck] hier weiter unten auf dieser Web-Page. Zum Lebensende hin erst war er, offenbar von Tsingtau aus, in Peking.)


Als er den vorliegenden Text ("Doppelflugschrift" = 64 Seiten, normale "Flugschrift" war und wäre wahrscheinlich 32 Seiten) verfasste, war das rund vier Jahre vor seinem Tod, also hatte er sich auch da schon rund 30 Jahre lang(e) Chinakenntisse (der Buchtitel sagt es ja auch, aber er meint die formelle Zeit als Missionar, nicht die reine, faktische Anwesenheits-Zeit in China), "vor Ort" und "im Land" angeeignet.

1900 wurde ihm ein Grabmal auf dem deutschen Friedhof (später „Europäerfriedhof“ genannt) in Tsingtau alias Tsingtao alias Quingdao gesetzt.


Die Inschrift auf dem Grabstein lautete, so las ich:

 

Ein Bahnbrecher christlichen Glaubens
und christlicher Kultur.
Ein deutscher Forscher im fremden Lande.

Das Grab Fabers verschwand offenbar während der chinesischen Kulturrevolution 1966–1976.


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Der vorliegende Faber-Text hat teilweise Zeitraffer-Elemente, die das Ganze zu einem textlichen Kunstwerk und einer "Ungewöhnlichkeit" werden lassen.


Faber, der auf vielen Seiten hier sein immenses Wissen ausbreitet, über China, zählt jedoch auf einigen Seiten seiner "Flugschrift" unendlich viele Taten, Untaten, Morde, Vergiftungen usw. usf. auf. Zack, zack, zack. Verbrechen, allesamt geschehen durch und bei unendlich viele(n) Herrscher(n)/innen, gerne Kaiser/innen, oder Fürsten und Militärs und Funktionäre(n) ... und Herrscherhäuser(n) samt Beamten et al. über viele Jahrhunderte hinweg.


Eine Kette des Unendlichen, so fühlt man es. So meint man es zu spüren. Es beginnt auf Seite 15 unten und zieht sich in eben diesem Stil hin bis Seite 26. Eine Suada! Man könnte aus diesen rund zehn Seiten eine künstlerische Lesung (Monolog für einen Schauspieler oder eine Schauspielerin) machen, wonach allen Zuhörenden mit Sicherheit das Hirn rauscht. Die Welt als ständiges Verbrechen. Ein Mini-Auszug als Kleinst-Beispiel für den Stil dieser zehn Seiten folgt nun.


"Ein Bruder der Kaiserin-Witwe vergiftet 147 den jungen Kaiser. Der Kaiser und die Kaiserin-Mutter wurden 190 abgesetzt, erst im Palaste gefangen gehalten, dann getötet. Ein General ließ 214 die Kaiserin und ihren Vater hinrichten und gab dann seine Tochter dem Kaiser zur Frau. Der Kaiser wurde 313 von einem Mächtigen entthront und nach einem Gastmahl mit seinen gefangenen Generälen und Beamten hingerichtet. Der Nachfolger wurde 317 ebenfalls hingerichtet." (Zitat aus Seite 16)


Das schlimme "Geschehen" geht via Text wie im Flug vorbei, man behält nur so etwas wie: A tötet B, B wird von C getötet, C wird aber dann selber von D vergiftet, während D von E enthauptet wird, aber E ist später Mordopfer von F ... usw. Ein absolut ungewöhnlicher Text, der an einigen Stellen eher als Kunst-Essay-Literatur (mit zusätzlichen faktischen Info-Elementen) angesehen werden muss.

Klaus Jans, am 9.10.2023, Montag, und 10.10.2023, Dienstag, und am 11.10.2023, Mittwoch. (Der Faber-Text wurde erstmals online gestellt am 9.10.2023.)


Bitte lesen Sie auch ein anderes Buch von Ernst Faber.

ISBN 978-3-96290-038-0


Ernst Faber | Bilder aus China Teil I und Teil II von 1877


Ausgabe in einem Buch, beide Teile.


Beobachtungen eines Missionars mit einem teils verengten, aber auch einem teils wachen (bisweilen interkulturellen) Blick.

22 Seiten LESEPROBE als PDF, ca. 4,5 MB

    Ausgabe in einem Buch, beide Teile mit insgesamt 39 Bildern, die dabei von Faber bezogen auf China (Kultur, Alltagskultur, Land, Traditionen, Religion, Politik et al.) besprochen werden.
LINK zum Buch 9783962900380

    Samt Nachwort von 30 Seiten und kleiner Schreibweisenliste.



DIE NUN FOLGENDE SCHRIFT (DER FONT) IST GEORGIA, INSOFERN DER BROWSER VON IHNEN DIESE SCHRIFT AUCH RICHTIG WIEDERGIBT. K. J. Wir beginnen nun mit dem Original-Text von "China in historischer Beleuchtung". (Sperrdruck aus dem Original wird hier in der Online-Version kursiv wiedergegeben. Bedenken Sie, dass I und Jot derselbe Buchstabe sind, in der Original-Frakturschrift ... nämlich da immer ein J.)



Titel = Haupttitel (Seite I gedanklich)
Sechste (Doppel-) Flugschrift des Allgemeinen evangelisch-protestantischen Missionsvereins. China in historischer Beleuchtung. Eine Denkschrift zu seinem 30jährigen Dienstjubiläum als Missionar in China. Von Missionar Dr. theol. Ernst Faber in Shanghai. Mit zwei Abbildungen und einer Karte. Berlin. Druck und Verlag von A. Haack. 1895.


Seite II (gedanklich) ||| Informationen zum Missionsverein
Der Allgemeine evangelisch-protestantische Missionsverein wurde, nachdem er schon im Jahre 1883 durch vertrauliche Versammlungen seiner ersten Mitglieder vorbereitet und ins Leben gerufen war, auf der konstituierenden Versammlung zu Weimar im Juni 1884 begründet. Er hat folgende Statuten angenommen:
    §. 1. Der Allgemeine evangelisch-protestantische Missionsverein steht auf dem Grunde des Evangeliums Jesu Christi.
    §. 2. Sein Zweck ist, christliche Religion und Kultur unter den nichtchristlichen Völkern auszubreiten in Anknüpfung an die bei diesen schon vorhandenen Wahrheitselemente.
    §. 3. Er sucht seine Aufgabe zu lösen:

      a) durch Weckung des Missionsinteresses in den weitesten Kreisen;
      b) durch Vereinigung aller derjenigen, welche Mission treiben;
      c) durch Förderung des Studiums der nichtchristlichen Religionen;
      d) durch Anbahnung einer regeren Diskussion der religiösen Ideen zwischen der Christenheit und der nichtchristlichen Welt, insbesondere den heidnischen Kulturvölkern;
      e) durch Aussendung geeigneter Persönlichkeiten zu nichtchristlichen Völkern;

      f) durch Unterstützung bereits bestehender Missionsunternehmungen;
  g) durch Förderung allgemeiner Kulturbestrebungen in der außerchristlichen Welt (Kolonisation, Erd- und Völkerkunde u. dergl.) und Pflege des christlichen Sinnes in den in derselben lebenden Glaubensgenossen.
    §. 4. Mitglied des Vereins kann jeder werden, welcher die Statuten desselben anerkennt und einen jährlichen Beitrag leistet.
    § 5. Der Gesamtverein gliedert sich nach Ländern, Provinzen, Kantonen oder Ähnlichem in Hauptvereine, jeder Hauptverein nach Bedürfnis in Bezirks- und Lokalvereine. Der Gesamtverein hat seinen rechtlichen Sitz in der Stadt Weimar.

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Protektor des Vereins ist Se. Königl. Hoheit Karl Alexander, Großherzog von Sachsen-Weimar.
     Centralvorstand: Präsident Prediger Dr. Arndt in Berlin, Ehren-Präsident Pfarrer Dr. theol. Buß in Glarus, Vizepräsident Prediger Lic. Dr. Kirmß in Berlin, Centralkassierer Reichstagsabgeordneter Konsul Karl E. Weber in Berlin (Ehrenmitglied des Centralvorstandes), Professor Dr. Bassermann in Heidelberg, Oberkirchenrat Dr. D. Dreyer in Meiningen, Konsistorialrat Dr. Ehlers in Frankfurt a. M., Professor Dr. Gerland in Straßburg, Prof. Dr. H. Holzmann in Straßburg, Professor Dr. H. Kesselring in Zürich, Prediger Lic. Dr. Kind in Berlin, Professor Dr. O. Pfleiderer in Berlin (Groß-Lichterfelde), Pfarrer Röhrich in Genf, Konsul R. Schöller in Zürich, Superintendent Dr. Spinner in Ilmenau, Amtsgerichtsrat Adler in Flensburg, Stadtpfarrer Bickes in Ludwigshafen, Stadtpfarrer Schück in Heidelberg und Senator Wessels in Bremen. Ehrenmitglieder sind Prof. Dr. Nippold in Jena, Professor Dr. M. Müller in Orford und Generalsuperintendent Dr. Hesse in Weimar.
    Die Beiträge der Zweigvereine und einzelne Gaben nimmt in Deutschland in Empfang der Generalschatzmeister Ernst Stolze, Berlin SW., Königgrätzerstraße 99; in der Schweiz Hintermeister-Boßhardt, Zürich, Stadelhoferstraße 26.
  Anmeldungen zum Beitritt mit beliebigem Jahresbeitrag nehmen die Mitglieder des Centralvorstandes und der Zweigvereinsvorstände an.
    Alle Zuschriften an den Centralvorstand sind unter der Adresse des Predigers Dr. Arndt, Berlin C., Friedrichsgracht 53, einzusenden.


Seite III (gedanklich)
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SEITE IV (gedanklich)
Foto-Portrait zu Ernst Faber (siehe Bild verkleinert weiter oben auf dieser Web-Page)


Seite 1 (gedanklich) ERNEUT = Wiederholung vom Titel = Haupttitel
Sechste (Doppel-) Flugschrift des Allgemeinen evangelisch-protestantischen Missionsvereins. China in historischer Beleuchtung. Eine Denkschrift zu seinem 30jährigen Dienstjubiläum als Missionar in China. Von Missionar Dr. theol. Ernst Faber in Shanghai. Mit zwei Abbildungen und einer Karte. Berlin. Druck und Verlag von A. Haack. 1895.


Seite 2 (gedanklich)
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Seite 3 (gedanklich)
Vorwort. Ein Jubiläum seltener Art konnte unser Missionar Dr. theol. Ernst Faber in Shanghai am 25. April d. J. feiern, die dreißigste Wiederkehr des Tages seiner Ankunft als Missionar in China. Dreißig Jahre, beinahe ein Menschenalter hindurch, hat Faber seine Kraft in den Dienst des schwersten aller christlichen Werke, der Aussaat des Evangeliums auf dem so harten Boden des chinesischen Volkes, gestellt. Unsere aufrichtigsten Glückwünsche haben wir dem treuen Mitarbeiter am Baue des Reiches Gottes über das Weltmeer gesandt. Möge er noch recht lange unter Gottes Schutz und Segen zur Erneuerung der Herzen durch die Kraft des Evangeliums in dem Lande mitwirken, das ihm fast eine zweite Heimat geworden ist! Die vorliegende Flugschrift, eine Frucht langjähriger Beobachtungen und Studien Dr. Fabers, ist eine Gabe, die er uns zu seinem 30jährigen Missionsjubiläum gestiftet hat. Wir lassen sie ausgehen, nicht nur um neue Teilnahme für unsere Mission in China zu wecken, sondern auch um allen Freunden der Mission das Bild des Mannes näher zu rücken, der einen wohl- verdienten Ehrenplatz unter den chinesischen Missionaren einnimmt. Ernst Faber, geboren zu Koburg am 25. April 1839, erhielt seine Ausbildung zum Missionar im Missionsseminar der Rheinischen Missionsgesellschaft zu Barmen vom Jahre 1858 bis 1862. Darauf besuchte er vier Semester hindurch die Universitäten Basel und Tübingen. Im Laboratorium des Zoologischen Museums zu Berlin und im Geographischen Institut von Dr. Petermann in Gotha erwarb er sich naturwissenschaftliche und geographische Kenntnisse, die ihm später vielfach von Nutzen bei seiner Missionsarbeit geworden sind. Am 14. August 1864 wurde E. Faber zum Missionar für China von der Rheinischen Missionsgesellschaft abgeordnet, am 25. April 1865 traf er in China ein. Sein erstes Arbeitsfeld fand er in der Kantonprovinz, wo er durch Predigt, Unterricht und medizinische Praxis missionarisch thätig war. Ende 1880 gab er sein Verhältnis zur Rheinischen Missionsgesellschaft auf und wirkte seitdem als unabhängiger


Seite 4 (erste gedruckte Seitenzahl)
Missionar in China weiter. Am 30. September 1885 ist Faber in die Dienste unseres Vereins eingetreten, so dass wir nunmehr seit 10 Jahren mit ihm aufs engste verbunden sind in dem gleichen Bestreben, dem größten Volk der Erde das Licht unseres Evangeliums zu bringen. Zahlreich sind die Werke Fabers, die er in deutscher, englischer und chinesischer Sprache verfaßt hat, wir nennen nur das fünfbändige Werk über chinesische und christliche Civilisation, die Bearbeitung der chinesischen Philosophen Micius, Licius und Mencius, ferner die Erklärung des Markus- und Lukas-Evangeliums sowie viele Teile des Alten Testaments und zahlreiche Bogentraktate in chinesischer Sprache, Aufsätze über die anthropologischen Theorien der Chinesen und den Konfuzianismus, den Apostel Paulus u. s. w. Wir irren nicht, wenn wir annehmen, das Dr. Faber einer der fruchtbarsten Schriftsteller unter den Missionaren Chinas ist und vielleicht das Meiste unter diesen zur litterarischen Verbreitung christlicher Wahrheiten in China beigetragen hat. Im Sommer 1888 wurde er von der theologischen Fakultät in Jena ehrenhalber zum Doktor der Theologie ernannt. Seit 1886 wohnt Faber in Shanghai. Er hat häufig Reisen ins Innere Chinas unternommen. Im Jahre 1893 nahm er am Religionsparlament in Chicago teil und sprach dort über den Konfuzianismus. Zwei Mal, im Jahre 1876 und 1881, war er auf kurze Zeit in Deutschland. Hoffentlich ist es uns vergönnt, den Veteranen chinesischer Missionare bald einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Der gnadenreiche Gott wolle ihn auch ferner in frischer Kraft auf seinem Arbeitsfelde erhalten und ihm viel Frucht seines treuen Wirkens schenken! Berlin, den 12. September 1895. Prediger Dr. Arndt Präsident des Allgemeinen evangelisch-protestantischen Missionsvereins.

Seite 5
Wer wüßte nicht, das China der älteste Kulturstaat der Welt ist? Wer aber von den Lesern wird sich klare Rechenschaft darüber geben können, was den eigentümlichen Charakter der chinesischen Kultur ausmacht und wie sich dieselbe zu den Erscheinungen des christlichen Lebens verhält? Jetzt gerade ist China durch den Sturmwind von Japan her kläglich zu Boden geworfen worden. Chinas Kultur erscheint alt und abgelebt, den ernsten und unabwendbaren Anforderungen des modernen Lebens nicht genügen zu können. Auch China wird sich notgedrungen entschließen müssen, mit dem Alten zu brechen und eine neue Ära zu beginnen. Leider ist dies in China mit ungleich größeren Schwierigkeiten verbunden, als es in Japan vor dreißig Jahren der Fall war. Wie sich Chinas Zukunft mutmaßlich gestalten wird, ist eine so wichtige Frage auch für die Zukunft Europas, daß es sich der Mühe lohnt, einen Beitrag zum Verständnis zu liefern. Die Zukunft ist jedoch stets ein Produkt der verschiedenen Faktoren, welche in der Gegenwart wirken. Diese Elementarwahrheit bedarf keiner Erörterung. Das es dennoch, selbst für den aufmerksamen Beobachter geschichtlicher Verhältnisse, ungemein schwierig ist, das Kommende mit annähernder Gewißheit vorauszusagen, hat darin seinen Grund, daß selten alle Faktoren, welche in Thätigkeit sind, frühe genug erkannt werden, daß es gewöhnlich schwierig ist, die Stärke der Wirkung jedes einzelnen richtig abzuschätzen, daß die Aufeinanderwirkung und Gegenwirkung im Leben sich unendlich mannigfaltig erweist, daß unberechenbare Umstände derartig eingreifen können, daß schließlich ein ganz anderes Ergebnis herauskommt, als der Weiseste vermuten konnte.
    Alle in China das soziale und politische Leben bewegenden Kräfte lassen sich in zwei Gruppen zusammenfassen. Man kann diese kurz bezeichnen als Selbsterhaltungstrieb des überlieferten Chinesentums und Einfluß von außen durch die Fremden. Diese fremden Faktoren kann man wieder unterscheiden in Kaufleute, Politiker, Vertreter der Wissenschaft und Missionare, vier auseinandertretende Richtungen, die nach verschiedenen Methoden auf verschiedene Ziele hinarbeiten, alle aber im Gegensatz stehen zu den althergebrachten Gewohnheiten des Chinesentums. Das Chinesentum ist selbstverständlich auch nur ein Begriff, dessen wirkliche Vertreter der Kaiser und seine Familie, die Minister und Beamten, einschließlich Militär, die Gelehrten oder Gebildeten, gewöhnlich Litteraten genannt, die Landleute, Kaufleute und Gewerbetreibenden sind. Parasiten und gefährliche Elemente sind auch sehr reichlich vorhanden. Jede Klasse hat natürlich ihre Sonderinteressen und sucht dieselben entgegen den andern zur Geltung zu bringen. Der Zustand irgend eines Staats ist jederzeit das Ergebnis der Ausgleichung der Sonderinteressen der verschiedenen Körperschaften. Die einzelnen werden durch den Druck der Verhältnisse genötigt, sich zu Interessengruppen zusammenzuschließen. Darum sind in China die Gilden unter Handwerkern und Kaufleuten, die


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Clans und Dorfgenossenschaften unter der Landbevölkerung, die Vereinigungen der Litteraten und der Geheimgesellschaften, einflußreiche politische Faktoren. Dieses alles zu verstehen, ist nicht möglich ohne Rücksichtnahme auf Chinas Vergangenheit. Eine eingehende Darlegung des geschichtlichen Werdens der jetzigen chinesischen Verhältnisse, also nicht nur der politischen, sondern besonders der Kultur- und Sitten-Geschichte Chinas wäre dazu erforderlich. Da aber weder der beschränkte Raum einer Flugschrift, noch meine durch chinesische Arbeiten in Anspruch genommene Zeit, noch die Umgebung in der Fremde eine erschöpfende und dabei für den deutschen Leserkreis genießbare Arbeit ermöglicht, so werden einige Originalskizzen Ersatz bieten müssen, bis etwas Besseres von berufener Seite geboten wird.
    Der Inhalt meiner Flugschrift ist folgender:
1. Umfang des chinesischen Reiches.
2. Geschichte der Ausdehnung.
3. Produktion.
4. Staatsorganismus.
5. Selbstverwaltung.
6. Züge aus der Kaisergeschichte.
7. Die kaiserlichen Frauen.
8. Kaiserliche Familienangelegenheiten.
9. Die Eunuchen.
10. Minister und Beamte.
11. Kulturgeschichte.
12. Litteratur.
13. Taoismus.
14. Konfuzianismus.
15. Der Tempel des Konfuzius.
16. Buddhismus.
17. Dunkel der Nacht in der Gegenwart.
18. Sterne der Hoffnung.
19. Morgendämmerung.
20. Tagesanbruch.
    Schlußbetrachtung.


Chinesische Namen werden, soweit nur möglich, vermieden. Wer solche wünscht, kann die Mehrzahl finden in S. v. Fries, Abriß der Geschichte Chinas, Wien 1884. Es ist ein kurzes aber sehr brauchbares Werk, das ich viel benutzt habe. China von M. G. Pauthier (Deutsch von Dr. C. A. Mebold, Stuttgart 1839) bietet wichtige Ergänzungen. A short History of China, by Boulger ist ausführlicher in der neuesten Geschichte. Mayers, The Chinese Reader's Manual enthält historische Tabellen mit den chinesischen Zeichen, auch biographische Notizen in 974 Nummern. Desselben Verfassers Chinese Government ist ebenfalls handlich zum Nachschlagen. Leider fehlt noch ein gutes Handbuch der chinesischen Geschichte. Die Benutzung chinesischer Quellenwerke ist sehr mühsam und zeitraubend. Es war mir deshalb nicht möglich, jeden Satz nach den Quellen zu prüfen. Dieses ist erforderlich, da die chinesischen Kompendien nicht frei von Fehlern sind. Aber selbst die großen autorisierten Ausgaben der Dynastiengeschichten sind nicht ohne Irrtümer. Das gesamte Material zu bewältigen, ist aber kaum in einem Menschenleben möglich. Es haben viele Kenner durch Einzelforschungen den Weg zu bereiten. Mein Bestreben war es, so viel als möglich nur Thatsachen, und zwar verbürgte Thatsachen, reden zu lassen. Sollte sich ein Fehler unbemerkt eingeschlichen haben, so wäre der Verfasser für baldige Mitteilung unter der Adresse der Verlagshandlung sehr dankbar.


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I. Umfang des chinesischen Reiches. Vor etwa 50 Jahren besaß China seine größte Ausdehnung, nach bester Schätzung ungefähr 5,300 000 englische Quadratmeilen (9 englische □ M. = ca. 1 deutsche
M.). Jetzt ist diese Zahl auf ungefähr 5 000 000 □ M. reduziert, und durch den Friedensschluß mit Japan gehen wieder circa 20 000 M. ab, es bleibt aber noch immer ein ungeheures Gebiet. China ist, nach seinem Quadratinhalt gemessen, der dritte Staat der Welt. Das brittische Reich steht mit 8 851 951 □ M. obenan, dann folgt Russland mit 8 660 282 M., während die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika mit 3 596 521 □ M. und Brasilien mit 3 217 645 M. hinter China zurückstehen. Das gesamte Deutsche Reich umfast (ohne Kolonien) 208 590 M., also noch nicht ein Zwanzigstel der kompakten Masse der Oberfläche des chinesischen Reichs. Es wären 24 deutsche Reiche erforderlich, die Ausdehnung des chinesischen Reichs darzustellen, während die Einwohner- zahl Chinas nur achtmal so groß ist, als die Deutschlands. Das ergiebt eine dreimal dichtere Bevölkerung Deutschlands, als im Durchschnitt in China vorhanden ist. Die häufig gedruckte Behauptung der Übervölkerung Chinas stammt aus oberflächlicher Beobachtung von Reisenden, welche nur etliche der Hauptverkehrsstraßen Chinas gesehen haben. Nur die Flußniederungen sind übervölkert, während im Innern ungeheure Gebiete sehr öde sind. Mangelhafte Verkehrswege sind die Haupthemmnisse der Bevölkerungszunahme in den von den Wasserstraßen abgelegenen Gegenden. Das chinesische Reich besteht aus dem eigentlichen China, der Mandschurei, Mongolei, Turkestan, Rokonor und Tibet. Die früheren Vasallenstaaten Korea, Birma, Annam und Cochinchina fommen nicht mehr in Betracht. 
    Das eigentliche China hat eine ausgezeichnete Bodenbeschaffenheit. Hohe Gebirgszüge mit ihren weitgestreckten Ausläufern bergen viel edle Mineralien. Mehrere gewaltige Ströme und viele kleinere schiffbare Flüsse, auch zahlreiche Kanäle durchschneiden das Land als Hauptverkehrsadern. Die ausgedehnten Flußniederungen und Ebenen sind außerordentlich fruchtbar und volkreich. Eine langgegliederte Seeküste bietet viele ausgezeichnete Häfen. Unzählige Inseln entlang der Küste dienen der sehr ergiebigen Fischerei zur Stütze. Selbst das Hochland von Tibet und der Mongolei ist zu Viehzucht geeignet und war in früheren Jahrhunderten viel volksreicher als jetzt. Das Klima ist gemäßigt und abgestuft, die Regenmengen sind fast überall regelmäßig, vom Monsun abhängig. Alle Teile des großen Reichs, mit sehr

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geringen Ausnahmen, sind gut bewässert. China sollte darum mindestens die fünffache Zahl seiner jetzigen Bewohner anständig unterhalten können, denn es sind nicht nur die Boden- und Klimaverhältnisse günstiger als in Deutschland, sondern die Chinesen sind auch durchschnittlich genügsamer als die Deutschen. Schon dieses Zahlenverhältnis wirft ein ungünstiges Licht auf die chinesische Staatsverwaltung.


II. Geschichte der Ausdehnung.


Der Anfang der chinesischen Geschichte ist in mythisches Dunkel gehüllt. Das Herrschaftsgebiet war dreihundert Jahre vor Konfuzius, also circa 800 v. Chr. noch von sehr mäßigem Umfang am Gelbfluß, an dessen Biegung vom südlichen Lauf nach Osten. Es erstreckte sich zu beiden Seiten des Flusses, aber nicht bis zur Spitze der Shantung-Provinz reichend, auch nach Süden nur etwa die halbe Entfernung zum Yangtze durchmessend. Die Feudalstaaten, welche zu Anfang der Tschao-Dynastie errichtet wurden, waren meist noch barbarische Gebiete, d. h. von teilweise unabhängiger Urbevölkerung bewohnt. Die Lehnsfürsten unterwarfen sich aber ihre Länder allmählich und dehnten so die chinesische Herrschaft nach allen Seiten aus. Nebenbei bekriegten sie einander mehrere Hundert Jahre, bis schließlich um 220_v. Chr. der König von Tshin (Westen) allen Feudalstaaten und dem Herrscherhause ein Ende bereitete. Damit beginnt der chinesische Einheitsstaat oder vielmehr der Kampf um die einheitliche Regierungsgewalt, welcher mit wenigen Ruhepausen bis in die gegenwärtige Zeit reicht. Die ganze Periode der Tschao-Dynastie (1122-221 v. Chr.) war eigentlich eine ununterbrochene Kriegszeit. Dabei wurden Millionen von Menschen hin- geschlachtet. Die Vorstellung, daß das chinesische Kaiserreich seit circa 3000 v. Chr. bestanden habe, ist völlig unbegründet. Daraus, daß zu Anfang der historischen Periode, 800 v. Chr. die Urbewohner noch mächtig waren, nicht nur an den Grenzen und in den unzugänglichen Gebirgen, sondern in verschiedenen großen Feudalstaaten, an Flüssen und am Meeresstrande, geht hervor, daß das chinesische Reich vor Anfang der Tschao (1122 v. Chr.) nur auf ein sehr kleines Gebiet beschränkt gewesen sein kann. Der sogenannte Kaiser war etwa das Oberhaupt über eine Anzahl Familienhäupter oder Geschlechter, welche je nach der Zahl ihrer Stammangehörigen verschiedene Rangtitel annahmen resp. erhielten. Es sollen solcher Fürsten 1800 existiert haben, aber nur die Namen von 124 sind erhalten und unter diesen befinden sich 55 Lehnsstaaten der Tschao. Nur etwa 24 dieser Staaten erlangten einige Bedeutung. Davon lagen fünf nördlich vom Gelbfluß, die andern südlich. Erst gegen das Ende der Dynastie Tschao überschritt China mit seinen südlichen Reichsgrenzen den Yangtze. Unter


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den folgenden Tshinherrschern erstreckten sich die Grenzen im Osten bis Korea, nach Norden nicht weit über Peking hinaus. Im Westen schloß das Reich nur die östlichen Teile von Kansu uud Szechuan, nicht weit über den jezigen Hafenplatz Chungking hinaus, in sich, im Süden bildete nominell Annam die Grenze. Von Norden her bedrängten mongolische Stämme die Grenze durch oft wiederholte Einfälle. Man suchte sich chinesischerseits zu schützen durch Wälle und Mauern, welche allmählich zur großen chinesischen Mauer vereinigt wurden. Der Anfang dazu wurde schon um 240 v. Chr. von drei Feudalstaaten gemacht, welche Mongolen zu Grenznachbarn hatten. Auch noch in der Ming-Zeit, 1547. Chr. wurden im Nordwesten von Peking 800 Li (chinesische Meilen) Mauer resp. Wall gebaut. Die große Mauer ist also das Werk von circa 1800 Jahren. Im Osten bildete seit cira 200 v. Chr. das Meer die natürliche Grenze. Im Westen war die Grenze eigentlich nie fest bestimmt. Eine Expedition, die von 135 v. Chr. an dreizehn Jahre in Anspruch nahm, drang bis ans Kaspische Meer vor, ohne jedoch bleibende Erfolge zu erzielen. Blutige Kriege mit den barbarischenVölkern des Westens, den Jung, den Tanguten, Turfanen, Turkomanen und Tibetanern ziehen sich durch die chinesische Geschichte von circa 1000. v. Chr. bis in die allerneueste Zeit. Daß die Mongolen sogar nach Europa vordrangen, bis sie bei Liegnitz 1241 auf energischen Widerstand stießen, ist allgemein bekannt. Erst die Kaiser der Mandschu-Dynastie haben aber die Nordländer, die Mandschurei und Mongolei, sowie die Westländer, Tibet und Turkestan, von Jlami bis Kaschgar und Jli dem chinesischen Reiche wirklich einverleibt. Kang Hi führte in Centralasien Kriege mit gewaltigen Armeen von 1691–1720. Weitere Kriegszüge in he Gegenden fanden statt 1724, 1729–1734, 1756–1759. Jm Jahre 1768 drang eine chinesische Armee von 200 000 Mann in Birma ein und machte diesen Staat tributpflichtig. Die Goochas machten 191 einen Einfall in Tibet, wurden aber durch 70 000 Chinesen zurückgetrieben und verfolgt.
    Gegen Korea wurden öfters Kriege geführt, so 108 v. Chr., dann um 600 n. Chr., 610, 613, 645, 668 etc. Im Jahre 1593 vertrieb aber ein chinesisches Heer auf Bitten der Koreaner die japanische Invasion von dort. Mit Japan hatte China auch sonst oft Zusammenstöße, so 660, wo Japan einem in China bekriegten Nordstaat half, aber ohne Erfolg. Chinesische Unternehmungen gegen Japan scheiterten 1274 und 1281. Im Jahre 1374 (letzte Zahl: 4, ?, hier unsicher, K. J.) wurde aber eine japanische Flotte bei den Liu Kiu Inseln gefangen. Japanische Seeräuber beunruhigten jedoch auch später noch öfters die chinesische Küste. Im Jahre 1873 landeten die Japaner eine Expeditionstruppe auf Formosa, da die chinesische Regierung sich geweigert hatte, Ersatz zu gewähren für ein gestrandetes Schiff, dessen


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Mannschaft ermordet worden war. Durch Vermittlung der Engländer verstand sich China zur Zahlung von 500 000 Taels, und die Japaner verließen Formosa bis auf gelegenere Zeit.
    Durch den eben beendeten Krieg hat Japan über China ein bedeutendes Übergewicht errungen und wird wohl in Zukunft die entscheidende Stimme in Ostasien führen.
    Aus obiger Skizze ist ersichtlich, daß es zweifelsohne die Militärmacht war, welche es China ermöglichte, seine großartigen Erfolge zu erzielen. Den überlegenen Heeren der Mongolen und Mandschuren dagegen konnte China nicht Stand halten, wurde deshalb so lange von diesen Ausländern beherrscht, bis auch sie aufgelöst waren in den chinesischen Brei. (Sic! Brei, K. J.) Japan siegte ebenfalls durch überlegene militärische Tüchtigkeit und zeigt dieselbe Tendenz, sich mit China zu vermischen. Dabei wird jedoch unter den jetzt obwaltenden Verhältnissen die japanische Eigentümlichkeit herrschend bleiben. Dieses wäre für Ostasien kein Unglück, wenn Japan sich dem Einfluß des christlichen Geistes immer mehr erschließt. Ostasien als ein wohlregierter Staat oder Staatenbund wäre eine Garantie für den Weltfrieden, während eine Anzahl kleiner Staaten nur Krieg untereinander, dazu Eifersucht, wenn nicht Habgier unter den Westmächten mit möglichen blutigen Konflikten hervorrufen würde.


III. Produktion.


Produktion ist immer ein Resultat der Kultur. Unter Kultur versteht man mancherlei, eine der einfachsten Definitionen ist Dienstbarmachung der Natur für menschliche Zwecke. In China gschah das schon von den ältesten Zeiten an in einer Weise, welche die de Nachbarvölker weit übertraf. Der Ackerbau wurde stets hochgeschätzt, besonders zur Gewinnung von Getreide, auch von Bohnen, Melonen und anderen Früchten. Viehzucht reicht auch in die vorhistorische Zeit zurück, es werden namentlich erwähnt, Pferde, Rinder, Schweine, Hunde, Schafe und Ziegen, Geflügel, die Seidenraupe, etwas später Bienen und ein anderes Wachsinsekt (Coccos), auch Fischzucht. Wagen wurden verwendet für die Fortbewegung zu Lande und Schiffe für die zu Wasser. Bogen und Pfeile, auch allerlei Hieb- und Stoßwaffen, Schilde, Befestigungen der Märkte und Städte gehören ebenfalls der Urzeit an. Mancherlei Gerätschaften für Haus und Feld, Werkzeuge zu verschiedenem Gebrauch sind schon abgebildet in den Anfängen chinesischer Bilderschrift. Wohnungen zum Schutz gegen die Witterung wie zur Bequemlichkeit, Gräber und Monumente reichen bis ins 5. Jahrtausend (von jetzt) zurück. Kleidung, obere und untere, innere und äußere, Mützen, Schuhe, Schmucksachen, sind wohl eben so alt. Speise wurde damals schon


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am Feuer bereitet und war sowohl vegetabilisch als animalisch. Von Industrieen waren im Gange: Weberei, Bearbeitung verschiedener Steinarten und Metalle, Keramik, Tischlerei und sonstige Holzarbeit, Flechtwaren von Bambus, Schilf und Grasarten, wohl auch Weiden, Baugewerke, Waffenverfertiger, Gerber, Felle und Lederwaren, Seiler u. s. w. Von den Künsten war besonders Musik viel geübt, man hatte Instrumente von achterlei Material. Wagenlenken und Bogenschießen galten ebenfalls als Künste. Die Kriegskunst hielt sich auf der Höhe der Zeit. Die Chinesen übertrafen bis um 1000 n. Chr. alle Nachbarstaaten in Bewaffnung, Heeresorganisation und Taktik. Die Heilkunst fand Pflege und nahm allmählich etwa 1500 Arzneimittel aus den drei Naturreichen in Gebrauch. Die Schreibekunst entwickelte sich zu einer Litteratur von bedeutendem Umfang, zu der sich die angrenzenden Nationen nur empfangend verhielten. Malerei, Skulptur und Schauspiel fanden auch allmählich Entwicklung. Von wichtigen Erfindungen seien nur etliche aufgezählt, davon sind einige über 2000 Jahre alt. Der Kompaß, das Schießpulver, die Buchdruckerkunst, Porzellan, Papier, Tusche und Pinsel, Holzschneidekunst zu Illustrationen und Buchdruck, Branntwein, Thee, Räucherwerk, Feuerwerk, Fächer, Spiegel, Schminke, Schirme, Kochöfen, heizbare Betten, Farben, Zucker, Öle, Gewinnung und Läuterung von Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Blei, Quecksilber, Zinnober, Eisen, Schwefel; Steinkohle wird mit Erde vermengt in Formen gepreßt und so für den Küchengebrauch vorbereitet. Ferner ist schon seit Jahrhunderten bekannt die Herstellung von Emaille, Geld, auch Papiergeld, Kanäle, Brücken, Kettenbrücken, Fahrstraßen, Maße, Gewichte, die Wage, Laternen, Lampen, Lack und Firnisse, Stickerei, Glaswaren, Horn- und Elfenbeinarbeiten, ein Staatskalender, Staatszeitung, Post zu Regierungszwecken, sowie einzelne Privatpostanstalten, Gasthäuser, Wasseruhren, astronomische Instrumente, Maschinen zum Bewässern etc. Als Lasttiere dienten Pferde, Ochsen, Esel, Maultiere, der Yack und das Schaf. Eine Liste sämtlicher Natur- und Industrie-Produkte Chinas, welche in der Neuzeit irgendwie Verwendung finden, ließ ich vor etlichen Jahren nach der großen chinesischen Encyklopädie anfertigen und erhielt 8093 Namen, nämlich für Getreide 862, für Bambus 257, für Blumen und Kräuter 1972, für Gemüse 832, für Früchte und andere Bäume 1097, für Vögel 514, für Säugetiere 251, für beschuppte Tiere (Fische, Schlangen, Reptilien) 786, für Insekten 297, für Industrieprodukte, mineralische 263, botanische 151, animalische 157, für sonstige Produkte menschlicher Arbeit 654. Im ganzen zur Botanik gehörig 5020, zur Zoologie 1848, zur Industrie 1225. Viele der Namen lassen sich jedoch nicht bestimmen ohne Vergleichung des betreffenden Gegenstandes mit andern. Ein Museum ist dazu unerläßlich. Viele dieser Produkte sind dem Auslande noch unbekannt, manche derselben könnten vielleicht Handelsartikel werden.


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Außerdem giebt es hier noch manche Naturprodukte, deren Wert von den Chinesen bis jetzt nicht erkannt ist.


IV. Der Staatsorganismus.


Schon in ältester Zeit hielten in China die Blutsverwandten zusammen im Familienverband. Solche Familien vergrößerten sich natürlich in etlichen Generationen zum Clan oder Stamm. Der älteste Vater bildete das natürliche Haupt. In gemeinsamer Gefahr verbanden sich wohl eine Anzahl Stämme unter einem Anführer, bei dem dann die Würde der Oberherrschaft blieb, zum Wohl des Ganzen, erst durch Wahl auf den Besten übergehend, dann erblich auf einen Sohn. Schon der erste Oberherrscher der in den Klassikern erwähnte Yao, fand Beihilfe nötig, suchte sich deshalb tüchtige Leute aus, wovon jeder ein besonderes Amt resp. Staatsgeschäft übernahm. Diese waren, (Sic! Komma im Original, K. J.) öffentliche Arbeiten, wie Regulierung des Wassers, Aufsicht der Arbeiter, Ackerbau, Unterricht in der sozialen Pflichten, Rechtspflege, Forstpflege, Religionsübung, Musik und Gesang. Besondere Fürsorge erhielt auch der Kalender. Da man dem Monde folgte, war es nötig, Übereinstimmung mit dem Sonnenjahr herzustellen, um bestimmte Jahreszeiten für den Feldbau etc. zu erhalten. Diese uralten Einrichtungen wurden später zu sechs Ministerien umgestaltet, Civil-Amt, Finanzen, Riten, Krieg, Justiz, öffentliche Werke. Jedes Ministerium hat zwei Präsidenten und vier Vizepräsidenten. Über die Ministerien sind zwei Kabinette, das Großsekretariat, das aus vier Sekretären und zwei Assistenten besteht. Zwei Sekretäre sind Mandschu. Zehn Räte sind beigegeben und etwa 200 andere Beamte. Die kaiserlichen Siegel, 25 Formen, sind hier aufbewahrt. Der General-Rat, gebildet aus den Häuptern der Minister und des andern Kabinetts, besteht erst seit 1730. Seine Beschlüsse werden in der Peking-Gazette veröffentlicht. Die Mongolei, Tibet, Jli und Turkestan stehen unter dem Kolonial-Amt. Die Beziehungen zu den Westmächten werden seit Januar 1861 vom Auswärtigen Amt, Tsurgli Yamen, besorgt. Man berechnet, daß ungefähr 20,000 Beamte aller Grade in Peking beschäftigt sind, davon sind drei Teile Chinesen und ein Teil Mandschu. Die Einteilung des eigentlichen China in Provinzen uni Distrikte war verschieden unter verschiedenen Dynastien. Gewöhnlich werden 18 Provinzen genannt, für das laufende Jahrhundert. Seit einigen Jahren zählte man aber auch Jli und Formosa, also im ganzen 20 Provinzen. Davon haben nur zwei Provinzen je einen Vizekönig, nämlich Chili um Szechuan, dreizehn Provinzen sind unter sechs Vizekönige verteilt, während vier Provinzen nur Gouverneure an der Spitze haben. Da die acht Vizekönige auch 12 Gouverneure zur Seite haben, so sind es zusammen 24 hohe Würdenträger.

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Die Mandschurei hat ebenfalls einen Vizekönig, wird aber verschieden verwaltet. In sämtlichen Provinzen sind etwas über 2000 kaiserliche Beamte im Dienst. Die Provinzialregierung ist in manchen Stücken ziemlich unabhängig von der Centralregierung. Die Entfernungen von Peking sind meist groß und die Verkehrsmittel noch zu ungenügend, als daß diesem Mangel baldigst abgeholfen werden könnte. Etwas Besserung hat der Telegraph schon gebracht. Wie viel aber noch an einheitlicher Organisation nachzuholen bleibt, selbst bei der Armee und der Marine, hat der Krieg mit Japan bemerklich gemacht. Die Flotte blieb zerstreut, nur das Nordgeschwader kam in den Kampf. So oder ähnlich war es auch mit dem Landheer. Wo verschiedene Armeen zugegen waren, fehlte es an einheitlicher Leitung. Erfolg im großen ist unmöglich, so lange jeder höhere Mandarin thut, was ihm recht deucht, ohne die Zucht und Ordnung, welche das Ganze zusammenhält.
    Die Zahl der Unterbeamten, welche entweder von jedem Mandarin nach persönlichem Belieben angestellt werden, oder welche bleibend Lokalposten füllen und genau mit allen örtlichen Verhältnissen bekannt den Mandarinen unentbehrlich sind, ist bedeutend größer als die Zahl der eigentlichen Mandarine. Daneben ist noch eine große Anzahl von Amtskandidaten in jeder Provinz vorhanden, welche auf Gelegenheit warten, in den aktiven Dienst zu treten. Eigentümlich ist, daß viele Lokalbeamte gar keine Besoldung erhalten, sich daher amtlich ihren Unterhalt und einen Reservefonds verschaffen müssen. Die kaiserlichen Beamten sind auf der andern Seite sämtlich zu niedrig besoldet, deshalb auch auf amtliche Nebeneinkünfte angewiesen. Dieses ganz ungewisse Einkommen hat natürlich zur Folge, daß die Gedanken der Beamten viel zu sehr auf Erwerb gerichtet sind und häufig genug alles amtliche Streben darauf ausgeht. Die Wohlfahrt des Volks wird vernachlässigt und die Stellung Chinas unter den übrigen Staaten der Welt erfährt eine nur aufgenötigte Berücksichtigung.
    Was das Volk doch mit dem Mandarinat aussöhnt, ist, daß der Zugang zu den höchsten Ehrenstellen nicht an eine bevorzugte Klasse gebunden ist, sondern auch dem Bauern und Handwerker offen steht, wenn er die vorgeschriebenen Examina bestehen kann, was nicht selten der Fall ist. Erblichen Adel giebt es allerdings auch, derselbe ist aber für gewöhnlich beschränkt auf die Dauer einer Dynastie und geht nur auf den ältesten Sohn über. Nachkommen eines Kaisers sinken von Generation zu Generation eine Stufe, bis sie dem Volke ganz gleich geworden sind.


V. Selbstverwaltung.


Wenn auch der Kaiser theoretisch absolute Gewalt hat, so ist seine despotische Willkür doch vielfach gehemmt durch das Mandarinat, freilich

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leider oft auch seine besten Pläne. Die Mandarine haben ebenfalls einen weiten Spielraum für Willkür und Despotismus, sind aber wieder gehemmt nach oben durch Vorgesetzte, nach unten durch Unterbeamte und alle durchs Volk. Das Volk findet seine natürliche Vertretung in den Graduierten. Manche von diesen haben früher hohe Staatsämter bekleidet, zogen sich aber dann wegen der gesetzlichen 27 Monate währenden Trauer um Vater oder Mutter, oder aus anderen Gründen zurück. Diese haben natürlich großen Einfluß auf ihre nähere und weitere Umgebung. Manche besitzen das Recht, Eingaben direkt an den Thron zu machen. Schon darum ist ihre Stimme von höchstem Gewicht bei den Lokalbehörden bis zum Vizekönig der Provinz.
    Das Volk hat verschiedene Organisation. Die erweiterten Familien oder Clans haben ihre eigenen Oberhäupter, auch Centralpunkte in den Ahnenhallen, wo die Opfer, Schmäuse und Versammlungen stattfinden. Die Ältesten können auch Strafen verhängen, besonders Körperstrafen, Todesstrafe ist nicht gesetzlich, wird aber auch angewendet. Ausstoß aus der Gemeinschaft, was gleichbedeutend ist mit dem Verlust bürgerlicher Rechte, kommt häufiger vor. Oft fällt die Clangemeinde mit der Dorfgemeinde zusammen, aber es giebt auch viele Dörfer mit gemischter Bevölkerung, wo also Leute aus verschiedenen Stämmen entweder in getrennten Quartieren oder durcheinander wohnen. Diese wählen dann ihre Dorfältesten aus den alten und angesehenen Männern. Viele Dorfsitten, deren Beobachtung auch von den Ältesten erzwungen wird, sind oft eine schwere Last für Unbemittelte. So die Beiträge zu Götzenfesten, öffentlichen Schauspielen, unverhältnismäßiger Aufwand bei Heirat, Geburt von Söhnen, Begräbnissen etc. Die Betreffenden müssen oft Haus und Feld verpfänden oder verkaufen, oder ihre Mädchen verkaufen, um den unsinnigen Gebräuchen zu genügen. Wenn einmal verschuldet, sind diese Leute auch dem Ruin nahe, weil der Zinsfuß sehr hoch ist, 36% und darüber. In den größeren Marktorten und den Städten sind die Kaufleute unter sich zu Gilden verbunden, wie die Thee-, Seiden-, Drogenhändler, auch die Geldgeschäfte. Handwerker, wie Schreiner, Schneider, Barbiere etc. haben auch ihre Gilden. An der Spitze der Gilde steht gewöhnlich ein höherer Graduierter als Sachwalter vor den Mandarinen. Diese Gilden vermögen bedeutenden Druck auszuüben auf ihre Angehörigen, das Publikum und die Behörden. Selbst die Diebe und Bettler haben ihre Zunftvereinigungen. Polizei wird man aber nirgends gewahr. Wächter allerdings lassen sich bei Nacht hören und am Tage sehen zum Schutz gegen Diebe. Bettel dagegen ist jedermann erlaubt. Reinlichkeit ist ganz Privatsache. Jeder darf vor der eigenen Thüre kehren, wenn er Lust dazu hat, aber auch die abscheulichsten Kübel mit Düngmitteln davor aufstellen, wenn es ihm gefällt, was häufig der Fall ist. Die Toten werden irgendwo be-


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graben, unzählige Särge sieht man aber auch auf offenem Felde oder auf Plätzen in den Städten dastehen. Der Geruchsinn bezeugt, daß dieselben nicht luftdicht verschlossen sind. Lärm zu machen in seinem Hause oder davor auf der Straße, dazu ist jedermann bei Tag und Nacht berechtigt, ohne Widerspruch der Polizei fürchten zu müssen. Die Wege und Brücken überläßt man in der Regel den eigenen Einfällen. Hie und da sorgt ein wohlthätiger Herr oder eine Gesellschaft solcher für deren Instandsetzung, aber immer sehr lokal beschränkt. Die Zollhäuser sind eine Landplage. Dieses gilt durchaus nicht von den Hafenplätzen, woselbst Ausländer den Zoll der fremden Schiffahrt verwalten. Im Innern des Landes sind die Zollhäuser verpachtet und leider hat man auf einer Handelsstraße eine große Anzahl zu passieren, wie etwa in guter alter Zeit auf dem Rhein. Diese Zollhäuser sind zugleich Schutzstätten gegen das Eindringen fremder Waren ins Innere. Die Durchgangsscheine vermindern das Übel etwas, heben es aber noch lange nicht, da jede Ware doch in die Hände chinesischer Händler kommen muß.
    Religiöse Gemeinden giebt es nicht bei den Konfuzianern. Die Buddhisten haben Klöster, die Taoisten ebenfalls. Die Priester und Mönche sind ganz ebenso dem Strafrecht und den Mandarinen unterworfen wie die Laien.


VI. Züge aus der chinesischen Kaisergeschichte.


Wenn man in den Werken, welche über China handeln, liest, daß der Taoismus Gelassenheit und stilles Dulden als höchste Tugend predigt, daß der Buddhismus Schonung des Lebens und Selbstentsagung fordert, daß der Konfuzianismus Liebe und Gerechtigkeit und damit verbunden strenge Subordination einschärft, so vermutet man, findet es auch oft genug ausgesprochen, daß die Chinesen ein friedliebendes Volk seien, ihre Geschichte und ihre sozialpolitischen Verhältnisse viel idealer gestaltet seien als die betreffenden Zustände in den christlichen Westländern. Die im folgenden berichteten Thatsachen werden den unparteiischen Leser etwas Stoff zum Nachdenken geben und wahrscheinlich auch manche Veranlassung, vorgefaßte Meinungen bedeutend zu berichtigen.
    Der letzte Kaiser der Tschao-Dynastie starb 256 v. Chr. in der Gefangenschaft eines seiner Feudalfürsten. Ein Attentat auf den Kaiser mißlingt 227. Der erste Kaiser der Han-Dynastie starb 194 v. Chr. an seinen Wunden, die er im Kampfe gegen einen Rebellen davongetragen. Nach dem Tode des kinderlosen Kaisers wurde 73 v. Chr. dessen Neffe von einem General eingesetzt und nach 27 Tagen wieder abgesetzt. Ein mächtiger Minister vergiftet seinen Kaiser 6 n. Chr. Im Jahre 25 floh der Kaiser vor einem siegreichen Verwandten, wurde aber auf der Flucht

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ergriffen und hingerichtet. Ein Bruder der Kaiserin-Witwe vergiftet 147 den jungen Kaiser. Der Kaiser und die Kaiserin-Mutter wurden 190 abgesetzt, erst im Palaste gefangen gehalten, dann getötet. Ein General ließ 214 die Kaiserin und ihren Vater hinrichten und gab dann seine Tochter dem Kaiser zur Frau. Der Kaiser wurde 313 von einem Mächtigen entthront und nach einem Gastmahl mit seinen gefangenen Generälen und Beamten hingerichtet. Der Nachfolger wurde 317 ebenfalls hingerichtet. Der Thronfolger wurde in demselben Jahre mit der gesamten Familie des Herrscherhauses von einem General ermordet. Der Mörder und seine Familie wurde darnach auch erschlagen. Von 328–338 war eine Mordwirtschaft von Thronprätendenten. Diese Greuel gehen noch etliche Jahrzehnte weiter bis zur Bildung von sieben Staaten, die einander bekriegten. Ein Heerführer ermordet 419 seinen Kaiser. Drei Minister setzen 424 den Kaiser ab und ermorden ihn bald darauf. Der Nachfolger fiel 453 von der Hand seines Sohnes. Ein Kaiser wird 465 von einem Beamten, ein anderer 477 von einem General ermordet. Dieser General zwingt 479 den Nachfolger auf dem Kaiserthron zu seinen Gunsten abzudanken, ermordet ihn aber bald darauf und die ganze kaiserliche Familie. Ein Großonkel ermordet 494 nacheinander zwei Kaiser, läßt dann auch 7 Vettern und 17 Großneffen abschlachten. Der Kaiser wird 500 von seinem Bruder abgesetzt und dieser ein Jahr später von einem Statthalter vergiftet. Ein General schloß 549 den Kaiser in seinem Palaste ein, und ließ ihn Hungers sterben, den Thronfolger ließ er ermorden, desgleichen den nächsten Kaiser 551. Dieser General, der sich nun selbst zum Kaiser machte, unterlag im Kampf und wurde hingerichtet. Der folgende Kaiser verlor schon 553 Thron und Leben, sein Sohn wurde genötigt, zu Gunsten eines Prätendenten abzudanken, dann aber doch hingerichtet. Ein Onkel ließ 568 zwei Minister ermorden und stürzte den Kaiser. Im Jahre 588 versteckte sich der Kaiser mit etlichen seiner Palastdamen in einen Brunnen vor den Soldaten des Nachbarstaates, welche seine Hauptstadt eingenommen hatten. Er wurde aber entdeckt und endete in der Gefangenschaft. Ein schwelgerischer Kaiser wurde 618 von einem entfernten Verwandten ermordet, der Sohn und Nachfolger ebenfalls nach einem halben Jahr. Dieselben Greuel geschahen in den abgetrennten Staaten. Ein Kaiser der nördlichen Wei fiel 452 von der Hand eines seiner Beamten. Eine Kaiserin vergiftete um 471 ihren Gatten den Exkaiser. Eine Kaiserin-Mutter vergiftete 528 ihren Sohn, den regierenden Kaiser, und wurde mitsamt dem jungen Kaiser von einem General ertränkt. Als dieser von dem Nachfolger beseitigt wurde, rief der Bruder des gemordeten Generals einen Onkel des Kaisers zum Kaiser aus, den er 531 erdrosseln ließ. Den nächsten Kaiser entthronte er bald und setzte dessen Vetter auf den Thron, der von einem


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andern Statthalter in ein Kloster gesteckt und vergiftet wurde. Ein anderer Statthalter vergiftete 535 dessen Nachfolger. Ein Usurpator ließ 559 von dem abgesetzten Kaiserhaus 25 Familien ausrotten, wird selber nach etlichen Monaten vom Onkel gestürzt und ermordet. Ein Nachbarstaat machte dann dem Reich ein Ende, und das Herrscherhaus wurde ausgerottet. Ein Kaiser versuchte 557 seinen mächtigen Minister aus dem Wege zu räumen, und wird selber von gedungenen Mördern beseitigt. Sein Nachfolger, ein Halbbruder, wird von demselben Minister 561 ermordet. Dieser Minister wurde aber vom Nachfolger enthauptet. Um 581 wird schon wieder die ganze Kaiserfamilie ausgerottet. Im Jahre 684 entsetzte die Kaiserin-Mutter ihren Sohn, ließ Hunderte von Beamten hinrichten, dazu auch Glieder des Kaiserhauses. Der Kaiser wurde 710 von seiner Gemahlin vergiftet. 821 wurde der Kaiser von den Eunuchen beseitigt. Ein mächtiger Minister mordet 905 den Kaiser und zwingt den Nachfolger 906 zur Abdankung, läßt ihn aber später ermorden. Ein Kaiser entehrt die Frauen seiner Söhne und wird 913 von seinem ältesten Sohn ermordet, dieser von seinem Bruder, der sich 923 selber den Tod giebt, weil er vom Feind in der Hauptstadt eingeschlossen wurde. Im Gefecht mit den aufrührerischen Musikanten des Palastes verlor 926 der Kaiser sein Leben. Ein Prätendent vertreibt den Kaiser 934 und läßt ihn samt seiner Lieblingsfrau und deren 4 Söhnen, töten. Im dritten Jahre seiner Regierung unterliegt dieser dem Schwiegersohn des gemordeten Kaisers und verbrennt sich mit den Reichssiegeln. Um 950 wird der Kaiser im Treffen mit den Truppen eines aufständischen Generals erschlagen. Ein General wurde 960 von seinen Soldaten zum Kaiser gemacht und das sechsjährige Kind vom Throne gestoßen. Die Minister zwangen 1125 den Kaiser zur Abdankung zu Gunsten seines Sohnes. Dieser wird 1126 samt seinen Frauen von den Goldtataren in die Gefangenschaft abgeführt. Ein Tataren- (Kin) Herrscher wurde 1149 von seinem Vetter ermordet, welcher auch seine Mutter, seinen Onkel, seine Brüder und Vettern tötet, deren Frauen er in seinen Harem nimmt; er wurde 1161 von seinen Soldaten ermordet. Ein Minister ermordet den Kaiser 1213, ein Kaiser tötet sich aus Verzweiflung 1234. Im selben Jahre wurde der legte dieser Dynastie im Kampfe getötet, dann noch geköpft. Die Mongolen führten 1276 den Kaiser und seine Mutter in die Gefangenschaft bis zu deren Tod. Der letzte Kaiser der Sung, seine Mutter und ein Minister ertränkten sich 1279 im Meer. 1324 wurde der Kaiser vom Sohne eines Ministers ermordet, der dafür hingerichtet wird. Der Kaiser wurde 1330 mutmaßlich von seinem Bruder vergiftet. Der letzte Mongolenkaiser flieht in die Mongolei. Ein furchtbares Blutbad wird 1402 vom Oheim des Kaisers angerichtet. Der Kaiser flieht als Mönch und stirbt im Gefängnis. Ein anderer Onkel

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wird 1426 geschlagen. 1450 wird der Kaiser von Mongolen gefangen und 1451 ausgelöst. Ein Verdacht der Vergiftung des Kaisers durch die Eunuchen liegt vor 1620. Der letzte Kaiser der Ming erhängt sich 1644.
    Ist es nicht haarsträubend, solche Menschenkinder, wovon die Mehrzahl recht unbedeutend, manche Verbrecher waren, alle aber mehr oder minder unzüchtig lebten, Söhne des Himmels, also Stellvertreter Gottes auf Erden, auch „Buddhas der Gegenwart" zu nennen! Daß diese sich anmaßten, nicht nur die Oberhoheit über alle Fürsten der Welt zu haben, sondern auch die unsichtbare Welt zu regieren, Verstorbenen Ämter und Würden verliehen oder auch noch an Leichen Strafen vollziehen ließen! Die chinesische Kaisergeschichte ist die schlagendste Widerlegung des Konfuzianismus. Gesunde Reform muß im Kaiserpalaste ihren Anfang nehmen, sonst werden sich alle Versuche als vergeblich erweisen. Man beherzige VII-IX.


VII. Die kaiserlichen Frauen.


Schon der älteste Idealkaiser des Konfuzius, Yao, führte Polygamie ein, indem er seine beiden Töchter dem erwählten Nachfolger zu Frauen gab. Aber erst 1000 Jahre später wurde das Haremwesen systematisiert. Als Kaiserin galt in der Regel nur eine Frau, bei den Mongolen und Tataren mehrere, bis auch für diese in neuerer Zeit nur eine gesetzlich bestimmt wurde. Daneben hat jedoch der Kaiser neun Frauen zweiten Ranges, 27 dritten, 81 vierten und unzählige weitere niedere Rangklassen. Die Zahl übersteigt manchmal 10,000, ist wohl selten niedriger als 2000 bis 3000. Mit jeder darf der Kaiser Umgang pflegen. Täglich hat eine Anzahl Zimmerdienst bei ihm. Die Kaiserin ist die Oberherrin über alle, steht aber selber unter der Kaiserin-Mutter, solange diese lebt. Diese Ober-Hoheit ist aber oft nur nominell resp. ceremoniell, denn gewöhnlich regiert eine Lieblingsfrau den Kaiser und folglich auch den Palast, manchmal sogar das Reich. Einige Beispiele sind erwähnt unter den berühmten Frauen Chinas. Der Erfolg des Konfuzius in seinem Vaterlande Lu wurde lahm gelegt durch 80 hübsche Mädchen, welche ein Nachbarstaat dem Herzog zum Geschenke sandte. Konfuzius fand nun kein Gehör mehr und zog 495 v. Chr. traurig in andere Lande. Kaum glaubwürdig ist die Geschichte von der Mutter des allgewaltigen Kaisers, der die Feudalstaaten Chinas zertrümmerte und als Bücherverbrenner bekannt ist. Seine Mutter soll erst die Nebenfrau eines Kaufmanns gewesen sein, der sie guter Hoffnung dem Prinzen (Vater) zuführte. Diesem gebar sie den Erbprinzen. Nach dem Tode ihres Gemahls nahm sie der erste Gatte wieder zu sich, fürchtete sich aber, sie zu behalten und gab sie deshalb einem anderen Manne. Dieser wurde verraten, und der König ließ ihn von 5 Pferden in Stücke zerreißen, die beiden Söhne, welche seine Mutter von ihm hatte, töten, die Mutter


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schickte er in die Verbannung. 27 Beamte, welche deshalb Vorstellung machten, wurden hingerichtet, erst auf den 28. hörte der König und rief die Mutter zurück. Die berüchtigte Kaiserin Lü verstümmelte 194 v. Chr. eine Nebenfrau aufs unmenschlichste und vergiftete deren Sohn. Als der Kaiser, ihr eigener Sohn, starb, erhob sie den Sohn einer Palastdame, tötete diese aber, um selber allen Einfluß zu behalten. Bald darnach ermordete sie den Knabenkaiser und regierte selber 187-179 v. Chr. Im Jahre 71 n. Chr. wurde die Kaiserin krank. Eine Ministerfrau, welche ihre Tochter als Kaiserin zu sehen wünschte, bestach den weiblichen Arzt, der Kranken Gift beizubringen und der Plan gelang. Später plante dasselbe Weib mit ihren beiden Neffen, den Kaiser zu stürzen und ihren Sohn auf den Thron zu sehen. Das mißglückte, sie und ihre Neffen begingen Selbstmord, ihr Sohn aber wurde gefangen und halbiert. Um 102 n. Chr. wurde eine Kaiserin wegen Zauberei abgesetzt. Der König des Südstaats, mit Nanking als Residenz, hielt sich 5000 Schauspielerinnen in seinem Palast. seine Herrschaft wurde ihm 279 vom Begründer der Tsin-Dynastie genommen. Im Jahre 300 n. Chr. vergiftete die Kaiserin den Thronfolger, Sohn einer Palastdame. Der Kaiser rührte sich nicht, aber sein Bruder drang mit Truppen in den Palast, tötete die Kaiserin und entthronte den Kaiser, wurde aber von zwei andern Brüdern besiegt und erschlagen. Eine Palastdame erstickte den Kaiser 396, weil er sie absetzen wollte. Die Kaiserin-Mutter vergiftete ihren Gemahl den Exkaiser 471. Eine andere Kaiserin-Mutter vergiftete 528 ihren Sohn, den regierenden Kaiser, weil er ihr unzüchtiges Leben tadelte, sie wurde darauf von einem General ersäuft. Kaiser Yang, (Sic! Komma im Original, K. J.) 605–617 reiste in Begleitung von 4000 Palastdamen von einer Residenz zur andern. Die allgewaltige Kaiserin Wu begann ihren Palastlauf als eine untergeordnete Frau des Kaisers. Nach dessen Tod nahm sie der Sohn und Nachfolger in seinen Harem. Sie verstand es, sich so in dessen Gunst zu setzen, das sie zur Kaiserin erhoben wurde. Sie ließ Hunderte von Beamten hinmorden, setzte den Kronprinzen ab, vergiftete dessen Bruder, setzte zweimal Kaiser ein und ab, und regierte dann selber bis 705. Sie lebte mit zwei Liebhabern, die dann ermordet wurden. Dieser Kaiserin wurde 690 die buddhistische heil. Schrift ,,der Große Wolken Sutra" gewidmet, darin wird sie Maitreya, der kommende Buddha, genannt. Sie verordnete die Verbreitung dieser Schrift übers Reich und gab manchen Buddhisten-Priestern öffentliche Ämter.
    Die folgende regierende Kaiserin hatte Umgang mit einem Neffen der früheren Kaiserin. Sie vergiftete den Kaiser 710 und wurde von dessen Neffen getötet. Eine Prinzessin, welche gegen die Thronfolge intriguierte, wurde verhaftet und durfte sich selbst entleiben. Eine Palastdame veranlasst die Hinrichtung der Kaiserin und ihrer drei Söhne 737. Die berühmte


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Yang Kweifi beherrschte den Kaiser völlig, hatte aber ihren eigenen Liebhaber außerdem. Sie wurde 756 von den Soldaten umgebracht. Im Jahre 948 gab die Kaiserin Li ihrem Gemahl den guten Rat, anstatt neue Steuern aufzulegen, die im Palaste aufgehäuften Kostbarkeiten zu verwenden, was auch geschah. Keinen Erfolg hatte der ebenfalls gute Rat der Kaiserin eines Trennstaates jener Zeit, daß der Kaiser seine sinnlose Verschwendung aufgeben solle. Eine Geschichte aus der Zeit um 1000 zeigt die entsetzlichen Greuel, zu welchen die Eifersucht der Palastdamen treibt. Die Dame Li gebar einen Sohn. Dame Liy stahl denselben und zeigte dem Kaiser eine abgebalgte Katze als die Geburt. Der war darüber so entsetzt, daß er die Dame Li in den kalten Palast schickte, d. h. sie entließ. Den Knaben gab Dame Liu einer Sklavin, ihn in den Fluß zu werfen. Diese wurde unterwegs vom Obereunuchen abgefaßt, der das Kind dem Onkel des Kaisers zur heimlichen Auferziehung übergab. Die Dame Liu schöpfte später Verdacht und ließ die Sklavin durch den Obereunuchen peitschen, ein Geständnis zu erzwingen. Diese ließ sich jedoch zu Tode martern, ohne zu gestehen. Der Eunuche vollzog diese Grausamkeit, um das Kind und sich selber zu retten.
    Der tüchtigen Kaiserin wurde 1064 durch den Staatsminister gewehrt (Sic!, gewehrt, K. J.), sich in die Regierung zu mischen. Um 1092 wurde die Kaiserin abgesetzt und eine Palastdame erhoben. Die Kaiserin säete (Sic! säete, K. J.) 1190 Mißtrauen zwischen dem Kaiser und dessen Vater, dem Exkaiser. In Westliao leitete die Schwester 14 Jahre die Regierung, da der Kaiser zu jung war. Sie führte einen unzüchtigen Lebenswandel und wurde deshalb 1169 von ihrem Schwiegervater, einem General, getötet.
    Die Lieblingsfrau des Kaisers Hien, 1465–1488, stellte jeder Palastdame, die Aussicht hatte, die kaiserliche Nachkommenschaft zu mehren, nach dem Leben. Sie ermordete die Mutter des Erbprinzen, der von den Eunuchen heimlich erzogen wurde. Im Jahre 1621 hatte die Amme des Kaisers, dessen Mutter bald nach der Geburt gestorben war, die Herrschaft. Sie wurde 1628 hingerichtet.
    Die Ursache des Erfolgs der Mandschu in China ist auch auf ein Weib zurückzuführen. Die Frau des Generals, später Vizekönigs von Yünnan, Wu Sankwei war vom Rebellenhaupt Li entführt worden. Dieser hatte bereits Peking eingenommen und hoffte, daß Wu sich ihm anschließen würde. Der rief aber aus Rache die Mandschu zu Hilfe und vertrieb Li. Wu half dann den Mandschu, China zu unterjochen. Später rebellierte er, sein Aufstand wurde erst nach mehrjährigem Blutvergießen überwunden. Sehr häufig haben Frauen, besonders die Kaiserin-Mutter oder -Witwe, die Regentschaft in China geführt, wenn auch oft friedlich, sicherlich nicht zur kräftigen Entwicklung des ungeheuren Reichs, das eine starke Hand am


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Zügel nötig hat. Kein Heil für China, so lange die Greuelwirtschaft des Kaiserpalastes fortbesteht!


VIII. Kaiserliche Familienangelegenheiten.


Schon im Anfang der Tschao-Periode verbündeten sich drei Söhne des verstorbenen Königs mit dem Bruder des entthronten Herrschers gegen ihren Bruder, den Herzog Tschao, der als Minister für den jungen König herrschte. Das Unternehmen mißlang und der älteste Bruder wurde hingerichtet, 1114 v. Chr. Der jüngere Halbbruder ermordet den regierenden Fürsten von Wei 719 v. Chr. Er und seine Mitschuldigen wurden dafür in einem Nachbarstaate enthauptet. Der Fürst von Lu machte mit seiner Gemahlin einen Besuch bei deren Halbbruder, welcher den Staat Tshi regierte. Dieser verübte Blutschande mit seiner Halbschwester und ließ ihren Gemahl, der das erfahren hatte, ermorden. Da der Staat Lu Genugthuung forderte, wurde der Mörder hingerichtet. Der schuldige Fürst von Tshi wurde später von einem Verwandten ermordet, dem 685 v. Chr. dasselbe Schicksal von einem Beamten bereitet wurde. Ein jüngerer Halbbruder des Königs führte 648 Unterhandlungen mit barbarischen Völkerstämmen. sein Plan, sich zum König zu machen, wurde aber entdeckt, er floh und wurde später begnadigt. Im Staate Tshi stritten sich 642 fünf Prinzen um die Erbfolge. Der erste, welcher die Oberhand behielt, wurde ermordet und es mußte Ordnung durch einen Nachbarstaat geschaffen werden. In einem kleinen Feudalstaat ermordete 538 ein Sohn seinen regierenden Vater, weil er die Erbfolge auf den Bruder übertragen hatte. Auch nach dem Tode des Kaisers brach 520 ein Erbfolgestreit unter zwei Söhnen aus. Im Jahre 440 v. Chr. folgte der älteste Sohn auf den Thron, wurde aber schon nach drei Monaten von seinem Bruder ermordet, der fünf Monate später von dem jüngeren Bruder ermordet wurde, welcher dann 15 Jahre regierte. Der Erbprinz, welcher gegen den Massenmord der Gelehrten Vorstellung machte, wurde 213 verbannt und später zum Selbstmord veranlaßt. Sein Bruder mordete 209 v. Chr. 12 seiner Brüder und die Familien vieler hohen Staatsbeamten. Zwei Brüder des Kaisers rebellierten 177 v. Chr., wurden aber besiegt, der eine entleibte sich, der andere wurde verbannt. Sieben der kaiserlichen Familie angehörige Fürsten rebellieren 155 und zwingen den Kaiser, seinen Minister hinzurichten. Sie wurden später besiegt, drei entleibten sich und vier wurden geköpft. Der Erbprinz wurde 91 v. Chr. abgesetzt wegen angeblicher Zauberei, welche als Ursache galt der unruhigen Träume des Kaisers. Da der Prinz floh, wurde er gefangen und mit seiner Mutter hingerichtet. Eine Palastdame wurde zur Kaiserin erhoben und ihr Sohn zum Nachfolger bestimmt. Die Kaiserin mußte aber um 90 v. Chr. auf Befehl des Kaisers ihrem Leben ein Ende machen, weil


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er fürchtete, sie möchte nach seinem Tode ihre Macht mißbrauchen. Der ältere Bruder des Kaisers und eine Prinzessin verbanden sich 80 mit zwei Staatsbeamten zum Sturz des Kaisers, wurden aber entdeckt und entleibten sich. Die beiden Würdenträger wurden hingerichtet. Ein kaiserlicher Verwandter erregte Neid wegen seiner militärischen Erfolge und wurde deshalb 23 n. Chr. hingemordet. Eine traurige Zeit war das Jahr 300. Die Kaiserin vergiftete den Thronfolger. Der Bruder des Kaisers drang mit Soldaten in den Palast, tötete die Kaiserin, schickte den Kaiser weg und bestieg den Thron. Zwei andere Brüder bekriegten und erschlugen ihren Bruder, sie holten dann den früheren Kaiser wieder herbei. Ein weiterer Bruder wurde eifersüchtig auf den ältesten der beiden und ließ ihn durch einen fünften Bruder ermorden. Dieser wurde dann durch die anderen beiden seines Lebens beraubt. Einer dieser fiel im Kriege gegen einen ferneren Bruder und schließlich folgte dann noch ein Bruder, der 25. Sohn des Kaiservaters, auf den Thron. Der Bruder des verstorbenen Königs eines Teilstaates beseitigte um 338 den Erben und bestieg selber den Thron, wurde aber von einem Verwandten ermordet, der dann herrschte. Ebenso erging es 349 in einem anderen Teilstaat. Der Onkel nahm dem König Thron und Leben, fiel selber nach sechs Monaten durch die Hand eines Verwandten, welcher zwei Monate darauf von einem Beamten ermordet wurde. Dieser ließ 350 die alte Königsfamilie ganz ausrotten. Er selber wurde zwei Jahre später von einem Nachbarstaat besiegt und hingerichtet. Im Jahre 355 wird ein König, der viele Menschen grausam hinschlachtete, durch seinen Vetter ermordet. Im Nordreich tötete ein Verwandter den Kaiser 409, und dessen Sohn erschlägt den Mörder. Der Kaiser wollte 453 seinen Sohn, den Thronfolger, absetzen, dieser ermordet den Vater und besteigt den Thron, wird aber schon nach 2 Monaten von seinem dritten Bruder gefangen und hingerichtet. Im Jahre 465 stellte der Kaiser seiner Schwester 36 junge Männer zur Verfügung, nach etlichen Monaten wurde der Kaiser ermordet. Der Neffe des Kaisers nahm 466 den Kaisertitel an; durch den Bruder des Kaisers gefangen genommen, wurde er enthauptet. Der Kaiser adoptierte den Sohn eines Günstlings und ließ eine Menge seiner Verwandten, die nähere Ansprüche auf den Thron hatten, ermorden. Ein Großonkel ermordete den Kaiser 494 und schon nach drei Monaten dessen Bruder und Nachfolger. Er bestieg den Thron und ließ 7 Vettern und 17 Großneffen hinrichten. Ein Onkel stürzt 568 den Kaiser, läßt zwei Minister ermorden und setzt sich auf den Thron. Der Kronprinz vergiftet seinen Vater, der einen andern Sohn zum Nachfolger bestimmen wollte, auch zwei Minister. Als Kaiser war er der größte Wüstling. Der weggeschobene Kronprinz konspirierte mit einem andern Bruder, verlor aber 627 sein Leben. Der Sohn des Kaisers bricht 710 mit Soldaten in den Palast ein und tötet

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die Exkaiserin, welche ihren Gemahl vergiftet hatte. Eine Prinzessin, welche 713 einen Prinzen der direkten Linie auf den Thron bringen wollte, wird zur Selbstentleibung verurteilt. Wegen Erbfolge ermordet der übergangene älteste Sohn 761 seinen Vater. Der Kaiser entehrte 913 die Frauen seiner Söhne, während diese für ihn gegen einen Rivalen kämpften. Der älteste Sohn ermordete dafür seinen Vater, wurde selber aber von seinem vierten Bruder getötet, der dann den Thron bestieg und 10 Jahre später mit dem Staat zu Grunde ging. Ein Kaiser ließ 926 seine drei Brüder und deren Mutter ermorden, damit dieselben ihm den Thron nicht streitig machen könnten, auf den er illegal durch die Minister gekommen war. In demselben Staate vertrieb 934 ein Adoptivsohn des vorigen Kaisers den Sohn und Nachfolger und ließ ihn samt seinen 4 Söhnen und deren Mutter hinmorden. Der Schwiegersohn des gemordeten Kaisers zieht 936 gegen den Usurpator mit Hilfe von Tataren, dieser verbrennt sich mit den kaiserlichen Insignien in einem Turm. In dem Freistaat Tshu ermordet 961 der Bruder den König. Da dieser leidenschaftlich tyrannisch herrschte, sperrte man ihn ein und erhob seinen Bruder, der es nicht besser machte, aber schon 962 von einem Nachbarstaat unterworfen wurde. Ein wahres Scheusal von Grausamkeit regierte den Süd-Hanstaat 25 Jahre. Sein Sohn folgte auf den Thron, ohne um den Vater zu trauern. Er wurde im folgenden Jahre von seinem Bruder meuchlings ermordet. Dieser suchte seinen Vater noch an Grausamkeit zu übertreffen; der Staat hörte 971 auf zu existieren. Der König des Freistaates Min wurde 933 von seinem Bruder ermordet, dieser bald darauf vom eignen Sohn, der nach drei Jahren vom Onkel, welcher sein Leben ebenfalls durch Mord verlor. Der Mörder ging 946 mit dem Staat zu Grunde. Der Herrscher des Freistaates Yen ließ seinen Vater einkerkern und seinen älteren Bruder umbringen, legte sich 911 den Kaisertitel bei, wurde aber schon 916 vom Begründer eines andern Freistaates besiegt und mit seiner ganzen Familie hingerichtet.
    Im Jahre 976 bestieg der Bruder des Begründers der großen Sung-Dynastie den Thron auf den Wunsch der Mutter, da die Söhne seines Bruders noch zu jung waren. Später bestimmte dieser aber seinen eigenen Sohn zum Kronprinzen und brachte seine beiden Neffen durch Mißhandlung zum Selbstmord. Im Freistaate West-Hia, ein Tangutenstaat in der jetzigen Provinz Kansu etc., wurde der regierende König von seinem Sohn 1048 ermordet, weil er ihm die Braut genommen. Um 1206 wurde der König von seinem Bruder ermordet. Der Herrscher der Goldtataren wurde 1149 von seinem Vetter ermordet. Dieser ließ dann auch seine Mutter, seinen Onkel, seine Brüder und Vettern hinmorden. Die Frauen der letzteren nahm er in seinen Harem. Im Jahre 1403 wurde ein Kaiser der Ming von seinem Onkel verjagt. Dieser sperrte des Kaisers zweijähriges


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Söhnchen ein. Als der Knabe nach 54 Jahren befreit wurde, war er blödsinnig. Ein Prinz des kaiserlichen Hauses rebellierte 1519, wurde aber gefangen und hingerichtet. Um 1570 raubte ein mongolischer Prinz die Frau seines Enkels, um sie zu besitzen. Der Enkel begab sich selber an den Hof des Kaisers, scheint aber anstatt Recht nur Geschenke gefunden zu haben.
    Ein Attentat wurde 1803 auf den Kaiser Kiahing gemacht. Man entdeckte dann eine Anzahl Verwandte des Kaisers unter den Verschworenen. Im Jahre 1813 wurde der Kaiser im Palaste überfallen. Wieder waren Prinzen verwickelt, viele wurden hingerichtet und mehrere hundert Angehörige des Kaiserhauses wurden verbannt. Der Kaiser Laokwang schlug 1831 seinen einzigen 20jährigen Sohn, daß er starb. Des Kaisers älterer Bruder strebte 1831 nach dem Thron, was mißlang. Ein nochmaliger Versuch 1850 hatte keinen bessern Erfolg. Die Regentschaft von 8 Prinzen der kaiserlichen Familie wurde 1861 beseitigt durch eine Palastverschwörung, an deren Spize Prinz Kung und die beiden Kaiserin-Witwen sich befanden. Jene 8 Prinzen wurden gefangen, einer öffentlich enthauptet, die andern endeten privatim durch die seidene Schnur.


IX. Die Eunuchen.


In China scheint die Unsitte, Eunuchen zu halten, zu Anfang der Tschao-Dynastie, 1100 v. Chr., eingeführt worden zu sein und zwar mit der Organisation des kaiserlichen Harems. Diese Anstalt wurde natürlich von allen Feudalprinzen nachgeahmt. Kastration war eine der fünf gesetzlichen Leibesstrafen. Später wurden aber nicht nur Sträflinge verschnitten, sondern auch Knaben, welche gekauft oder von ihren Eltern dazu bestimmt wurden. Manche Eltern wünschten dadurch im Palast einigen Einfluß zu erlangen. Die Geschichte berichtet nur übles von diesen Leuten. Damit ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß es auch edle Personen unter ihnen giebt und gegeben hat. Dieses sind jedoch sehr seltene Ausnahmen. Es gehört jedenfalls viel sittliche Kraft dazu, ein solches Geschick mit Ergebung zu ertragen, bei der Mehrzahl wird das Gemüt verbittert und alle bösen Anlagen aufgereizt, Vergeltung zu üben an der menschlichen Gesellschaft. Einige Beispiele werden genügen.
    Ein Lehnsfürst um 651 v. Chr. hatte eine Lieblingsfrau und einen verschnittenen Günstling. Dieser wurde vom Erbprinzen beleidigt. Er erbitterte darum durch Lügenberichte diese Dame gegen den Erbprinzen. Sie beschuldigte endlich den Prinzen bei seinem Vater, daß er sie habe vergewaltigen wollen. Der Fürst befahl dem Eunuchen, den Prinzen zu enthaupten. Der aber floh und entkam mit knapper Not. Als er nach dem Tod seines Vaters den Thron bestieg, ließ er sofort den Eunuchen köpfen. Um 250 v. Chr. hielt der Kaiser 3000 Schönheiten für sich.


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Unter seinen Eunuchen wurde besonders einer berühmt. Er half erst dem Minister den Erbprinzen beseitigen, später verhalf er auch dem Minister zum Tode. Er setzte 207 den Kaiser ab und tötete ihn, wurde aber darauf ermordet. Der berühmteste Historiker Chinas wurde 100 v. Chr. auf Befehl des Kaisers verschnitten, nur weil er eine humane Vorstellung gemacht hatte. Im Jahre 92 ließ der Kaiser einen mächtigen General mit Hilfe eines Eunuchen ermorden. Ebenso erging es einem mächtigen Minister 159 n. Chr., der mit seiner ganzen Familie hingeschlachtet wurde. Ein Gelehrter wurde 169 auf Anstiften der Eunuchen mit über 100 Schülern hingerichtet. Die Eunuchen ermorden 190 den Bruder der Kaiserin, werden dann aber von dessen Soldaten alle, man sagt 10 000, niedergemetzelt. Die Tochter eines Ministers war des Kaisers Nebenfrau. Um deren Sohn auf den Thron zu bringen, sollte der Kaiser ermordet werden. Ein Eunuche brachte um 300 den Mörder in den Palast, dessen Anfall jedoch mißlang. Darauf ließ der Eunuche denselben heimlich vergiften, damit niemand verraten würde. Ein Eunuche wurde 722 nach Annam geschickt, die Ordnung daselbst wieder herzustellen, was ihm auch bald gelang. Um dieselbe Zeit half ein anderer Eunuche dem ausschweifenden Kaiser 50 Jahre lang in seinen Extravaganzen. Ein mächtiger Eunuche ließ 762 die Kaiserin und ihre zwei Söhne ermorden, wird aber selber ein Jahr darauf auf Ver- anlassung des Kaisers heimlich hingerichtet. Ein Kaiser wird 821 heimlich von den Eunuchen beseitigt. Dann wird 827 ein Kaiser im trunkenen Zustand von den Eunuchen ermordet, dessen Bruder ebenfalls. Der folgende Kaiser wollte die Macht der Eunuchen brechen, aber diese kamen dem zuvor und machten zwei Minister und deren Anhang, an 1000 (oder 3000?) Personen nieder, setzten dann 841 auch den Kaiser ab. Den Nachfolger suchten sie durch Vergnügungen in ihrer Abhängigkeit zu erhalten. In Verbindung mit einem mächtigen Statthalter ermordeten sie um 900 den Minister und 10 Prinzen. Der Kaiser wollte dagegen einschreiten, wurde aber gefangen weggeführt und erst nach zwei Monaten von einem Offizier befreit, der dabei den Obereunuchen und andere tötete. Die Musikanten des Palastes, welche 926 den Kaiser erschlugen, waren jedenfalls auch Eunuchen. Im Jahre 1064 suchten sie Zwietracht zu säen zwischen dem Kaiser und der Kaiserin-Mutter, was den Erfolg hatte, daß letztere sich von der Regierung zurückziehen mußte. Ein Eunuche wurde 1403 auf eine Forschungsreise nach Siam und Bengalen geschickt, ein zweiter nach Java und Sumatra, ein dritter nach Tibet, den Oberlama nach Peking einzuladen.
    Als der Kaiser 1410 eine Jagdexpedition unternahm, befahl er dem General Kang Ping den Palast zu beaufsichtigen. Da dieser böses Gerede fürchtete, verschnitt er sich und widerlegte dann leicht die Anklage, welche


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nach der Rückkehr des Kaisers wirklich gemacht wurde. Der Kaiser machte ihn zum Obereunuchen und versetzte ihn nach dem Tod unter die Götter. Die Eunuchen verehren ihn seither als ihren Schutzgott und bauten ihm einen besondern Tempel.
    Um 1443 bekam ein Eunuche die ganze Staatsregierung in seine Gewalt. Eine Verschwörung wurde 1510 entdeckt, deren Haupt der sehr begünstigte Eunuche war. Er wurde mit seinem Anhang enthauptet und sein Kopf öffentlich ausgehängt. Um 1522 verursachte ein Eunuche den Tod eines Schwiegersohnes des Kaisers durch falsche Anklage. Die Kaisertochter klärte die Sache auf und der Übelthäter wurde in Ölmatte gewickelt langsam verbrannt. Ein Eunuche öffnete dem Rebellen Li die Thore von Peking und wurde dafür von diesem Rebellen enthauptet. Ums Jahr 1621 gab es 12 000 Eunuchen im Palast. Manche Eunuchen wurden sehr reich, einer hielt über 10 000 Pferde, ein anderer hatte aufgehäuft 140 000 Pfund Gold, 16 Millionen Pfund Silber, zwei Maß Diamanten, zwei goldene Kürasse und mehr als 4000 mit Edelsteinen verzierte Gürtel. Ein Obereunuche kam seiner Hinrichtung 1628 durch Gift zuvor. Sein Leichnam wurde vom Volk in Stücke zerrissen, mehrere Tempel, die ihm errichtet waren, wurden zerstört. Ein anderer Eunuche erhielt den Oberbefehl über die Armee gegen die Mandschu, ließ sich aber bestechen und wurde erdrosselt. Ein Obereunuche wurde 1662 geköpft und 4000 seiner Kollegen aus dem Balast gejagt. Ein Gesetz erging, daß künftig kein Eunuche Amt oder Würden erhalten dürfe. Dessenungeachtet waren die Eunuchen zur Zeit Kienlungs wieder so anmaßend, wie je zuvor. Auf die Eingabe eines einflußreichen Präsidenten wurden alle Eunuchen 1736 untersucht und viele noch einmal geschnitten, woran die Mehrzahl starb. In der Verschwörung der
„Weißen Feder-Gesellschaft“, welche 1814 beinahe gelungen wäre, waren auch Eunuchen beteiligt und über 100 wurden geköpft. In neuester Zeit wurden Knaben verschnitten, deren Väter sich als Rebellenhäupter auszeichneten, wie Jakub Begs Söhne. Berühmt wurde kürzlich ein Eunuche der Kaiserin-Witwe, der als 12jähriger Knabe von seinen Eltern gezwungen wurde, sich verschneiden zu lassen. Die Kaiserin erlaubte ihm viel Freiheit und Geldmittel. 1867 machte er mit einem Gefolge von 30 Personen einen Ausflug in die Shantung-Provinz, daselbst wurde die ganze Gesellschaft durch den Gouverneur gefangen genommen und auf Befehl des Prinzen Kung hingerichtet. Nach dem Tode Tungchis 1874 versuchten die Eunuchen, die Herrschaft an sich zu reißen, aber die Ost-Kaiserin (Witwe) strafte die Häupter mit dem Tode.
    Der Kaiser hat vorschriftsmäßig 3000 Eunuchen im Palast für die verschiedenen Dienstleistungen. Man behauptet (Stent Journal C. B. Royal As. S. Vol. XI), gegenwärtig seien es nicht mehr als 2000.


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Außerdem hat jeder Sohn und jede Tochter eines Kaisers 30 Eunuchen im Haushalt. Jeder Neffe des Kaisers hat deren 20, jeder Enkel 10, ein Urenkel 6, deren Söhne je 4, also jeder Ururenkel eines Kaisers, deren es eine große Anzahl geben muß. Erbadel, d. h. die Nachkommen der Würdenträger, welche den Mandschu zur Herrschaft über China verholfen haben, sind nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, in jeder Familie 20 Eunuchen zu halten. Im Palaste sind auch 18 Eunuchen, welche als Lamapriester fungieren. Diese erhalten ein doppeltes Gehalt, sind aber meist ganz unwissend. 300 Eunuchen sind Schauspieler. Die übrigen sind in 48 Klassen geteilt, jede mit einem Vorsteher, alle unter einem Oberen. Die meisten Eunuchen rauchen Opium. Es sind deshalb 7 oder 8 Opiumhallen innerhalb der Palastmauern. Alle sind Spieler und verbringen fast alle freie Zeit mit dieser nichtsnutzigen Beschäftigung.
    Jedes dritte Jahr kommt eine Anzahl 14–16 jähriger Töchter von Bannerleuten in den Palast als Stickerinnen. Diese bleiben 5 Jahre, kleiden sich aber als Männer während dieser Zeit, dann werden sie mit einem Geschenk nach Hause geschickt. Auch ältere Frauen sind angestellt für manche Dienstleistungen. Im Rückblick auf die drei Kapitel „Geschichte aus dem chinesischen Kaiserpalast
, möchte man die Dichterworte anwenden: „Die Weltgeschichte ist das Weltgerichte“ und „Alle Schuld rächt sich auf Erden. Wäre es nicht die größte Wohlthat für China, wenn dieser moralische Schandpfuhl ausgeleert würde? Wäre es nicht weitblickende Handelspolitik, wenn die enormen Summen, die in diesem Sumpfloche vermodern, zur Verbesserung der Verkehrswege zu Lande und Wasser Verwendung fänden, ja der Kaiserhof dazu genötigt würde? Das chinesische Volk (nicht seine Böcke) würde solche That beglückwünschen.


X. Minister und Beamte.


Der Eindruck, welchen der unbefangene Leser aus einer Unzahl von Büchern, welche über China handeln, bekommt, ist, daß die chinesischen Staatsdiener, wenn nicht alle, doch der Mehrzahl nach ausgezeichnete Leute sind, intelligent und gelehrt, da sie die schwierigen Staatsprüfungen bestehen konnten, daß sie dazu voll seien der Weisheit und Moral des Konfuzius. Diese Moral betont ja hauptsächlich den persönlichen Charakter, daß man sich angemessen benimmt in allen Lagen des Lebens, dann die Subordination, stets den Befehlen der Oberen, besonders dem Kaiser, unbedingten Gehorsam zu leisten. Die chinesische Geschichte bestätigt diese Annahme durchaus nicht. Wirklich tüchtige und zuverlässige höhere Beamte waren stets nur Ausnahmen, Bösewichter dagegen die Regel. Die große Mehrzahl hatte überhaupt keine Bedeutung, weder nach der guten noch nach der schlimmen Seite. Diese lebten, versahen ihre Geschäfte zur Zufrieden-


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heit ihrer Oberen, gewöhnlich auch zur eigenen Befriedigung, sorgten für möglichst zahlreiche Nachkommenschaft und starben. Seither hindern sie das Land und den Fortschritt durch ihre Gräber.
    Aus der klassischen Periode seien nur wenige Beispiele erwähnt, der ,,Frühling – Herbst" des Konfuzius berichtet deren viel mehr. In dem Feudalstaate Sung ermordete 682 v. Chr. ein General wegen Beleidigung den regierenden Fürsten. Der Fürst eines anderen Feudalstaates wurde 606 v. Chr. vom Neffen seines Ministers ermordet. Im Staate Tshi mordete 547 der Staatsminister seinen Fürsten und dann drei Geschichtschreiber, weil diese darauf bestanden, die Unthat in die Annalen einzutragen. Ein General ließ 505 v. Chr. die Leiche des Königs von Tshu aus dem Sarge nehmen und durchpeitschen, weil der Verstorbene seinen Vater hatte hinrichten lassen. Ein Minister ermordete 480 in Tshi seinen Fürsten, weil derselbe die mächtige Familie (Clan) des Ministers vertreiben wollte. Im Nachbarstaate Tsin erlangten drei Ministerfamilien die Macht und teilten den Staat unter sich, wurden auch 402 v. Chr. vom Kaiser mit ihrem Raub belohnt. In einem der Teilstaaten wurde um 400 der Minister durch einen gedungenen Mörder beseitigt. In Tshi wurde 390 der regierende Fürst von seinem Minister entthront, dieser übernahm selber die Herrschaft und vererbte sie auf seine Nachkommen. In dem Feudalstaate Tshin wurde ein verdienter Minister des Hochverrats angeklagt. Er floh in einen Nachbarstaat, wurde aber ausgeliefert und 324 von 5 Pferden zerrissen. In dem nördlichen Feudalstaate Yen wurde der Fürst 313 von dem Minister gezwungen, zu seinen Gunsten abzudanken. Der Nachbarstaat


Aussehen des Textes von Faber in der Original-Frakturschrift, Druck des Jahres 1895, Auszug aus Seite 28. Bildausschnitt samt Verkleinerung erstellt von K. J. [X]


Tshi benutzte diese Wirren zu einer Invasion und ließ den Minister mitsamt dem Fürsten hinrichten. Damals wurden zwei Staatsmänner berühmt durch die Bündnisse, welche sie zwischen verschiedenen Staaten zu stande brachten, ohne jedoch Bleibendes zu erreichen. Ein treuer Minister ertränkte sich 298, weil er zurückgesetzt wurde. Das bekannte Drachenbootfest verbindet damit seinen Ursprung. 27 Ratgeber wurden 237 nacheinander hingerichtet und dennoch hatte ein 28. den Mut, denselben Rat vorzubringen, nämlich des Kaisers Mutter aus der Verbannung zurückzurufen, und dieser hatte Erfolg. Einige Jahre später beging der Minister dieses Kaisers im Exil Selbstmord, ein anderer Minister wurde eingekerkert und vergiftet. Der Erbprinz und ein verdienter General wurden 209 durch den mächtigen Minister Li beseitigt. Dieser wurde zwei Jahre später mit feiner ganzen Familie hingerichtet. Hohe Staatsbeamte wurden 209 mit ihren Familien hingeschlachtet, nur weil sie im Verdacht standen, die Thronfolge nicht zu billigen. In demselben Jahre schon begannen mehrere Truppenführer, sich den Königstitel beizulegen. Diese bekämpften einander ein Jahrzehnt. Selbst der erste Kaiser der Han hatte noch bis ans Ende

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seiner Regierung 194 v. Chr. Krieg mit solchen Königen zu führen. Er ließ mehrere hinrichten. Die Südprovinz, Kanton und andere Gebiete, hatten sich durch einen solchen König fast unabhängig gemacht, wurden dann 113 unterworfen und geteilt. Die Familie des Generals, der sich den Hunnen ergeben hatte und für den der auf S. 25 erwähnte Historiker plaidierte, wurde 99 dem Tode geweiht. Zwei Staatsbeamte wollten 80 den Minister ermorden und den Kaiser absetzen, wurden aber entdeckt und hingerichtet. Die Familie der Kaiserin-Mutter behielt den Ministerposten von 32 v. Chr. bis 23 n. Chr. Der letzte dieser Ministerdynastie wurde durch Aufständische besiegt, wobei der Kaiserpalast verbrannte, er selber wurde auf der Flucht in Stücke gehauen. Viele treue Staatsmänner wurden 147 hingerichtet durch den Bruder der Kaiserin-Witwe. Er brachte 57 Verwandte auf hohe Posten, wurde dann aber auf Befehl des Kaisers samt seiner Familie von Soldaten niedergemacht. Von 184–265 war fast ununterbrochen Krieg von Generalen gegeneinander. Das Reich war in drei Staaten geteilt und die Rebellen der gelben Turbane verwüsteten außerdem das Land mehrere Jahre. Der Oberbefehlshaber der Armee zog 322 gegen die Hauptstadt, so daß der Kaiser aus Angst starb. Ein anderer General ahmte das Beispiel 327 nach, fiel aber 328 nach harten Kämpfen. Ein Beamter ermordete 350 seinen Kaiser und dessen ganze Familie, wurde aber 352 hingerichtet. Ein mächtiger General setzte 371 den Kaiser ab und dessen Onkel dafür ein. Ein Minister beginnt 420 eine neue Dynastie, nachdem er einen Kaiser ermordet, einen andern zur Abdankung gezwungen und manche Staatsbeamte aus dem Weg geräumt hatte. Drei Minister setzen 424 den Kaiser ab und ermorden ihn, werden aber dafür vom Nachfolger hingerichtet. Der Oberbefehlshaber der Truppen ermordet den Kaiser 477, zwingt den Nachfolger zur Abdankung und setzt sich selber 479 auf den Thron, läßt dann den Exkaiser und seine Familie hinmorden. Viele hohe Beamte wurden 500 hingerichtet, nur weil sie dem Kaiser mißfielen. Ein General schloß 549 den Kaiser in seinen Palast ein, so daß er Hungers starb. Derselbe ließ auch den Adoptivsohn des Kaisers ermorden, sowie den nächsten Kaiser. Er setzte dessen Bruder ein und ab, und bestieg 551 selbst den Thron, wurde aber geschlagen und hingerichtet. Ein hoher Beamter richtet 557 einen Rivalen hin, setzt den Kaiser ab, zwingt den von ihm selber eingesetzten zur Abdankung und gründet eine neue Dynastie. Aufstände und Räuberbanden gab es 613 an vielen Orten. Damals war China in mehrere Staaten zerteilt, die Zustände aber überall dieselben. So ertränkte in einem andern Teilstaat ein General 528 den Kaiser und seine Mutter, wird aber 530 ermordet auf Anstiften des neuen Kaisers. Der Bruder des Gemordeten entführt darauf den Kaiser und läßt ihn erdrosseln, setzt einen Nachfolger ein und wieder ab, von andern


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Statthaltern besiegt, giebt er sich 531 selbst den Tod. Ein Statthalter vergiftet 535 den Kaiser. Der Sohn dieses Statthalters setzt 550 seinen Kaiser ab und gründet selber eine neue Dynastie. Noch mehrere andere kurzlebige Dynastien wurden um diese Zeit von rebellischen Ministern gegründet. Ein mächtiger Minister ließ 557 seinen Kaiser, weil dieser ihn beseitigen wollte, durch gedungene Mörder umbringen, so auch dessen Nachfolger, bis er selber 572 hingerichtet wurde. Um 618 gab es elf verschiedene Revolutionshäupter, die sich Kaiser und Könige benannten, 622 kamen drei weitere hinzu, welche der Begründer der großen Tang-Dynastie alle zu überwinden hatte. Die Kaiserin-Witwe ließ 690 Hunderte von Beamten hinrichten. Die Kaiserin-Gemahlin köpfte 710 die fünf höchsten Würdenträger des Reichs. Ein Befehlshaber und Günstling erobert 756 die Hauptstadt und nannte sich Kaiser, wurde aber schon 757 vom eignen Sohn ermordet. Dieser wird von einem seiner Untergebenen gemeuchelt, der den Thron besteigt. Sein Sohn ermordet ihn, und diesen ermordet 763 ein Untergebener. Ein Minister ließ 762 die Kaiserin mit ihren 2 Söhnen ermorden und wurde dafür im folgenden Jahr auf kaiserlichen Befehl gemeuchelt. Mehrere Statthalter rebellierten 784. Dasselbe ereignete sich 815. Ein berühmter Minister, der den Kaiser von buddhistischem Aberglauben abriet, wurde degradiert und um 820 auf einen abgelegenen Posten befördert. Ein Militäraufruhr brach 822 aus, mehrere Statthalter werden ermordet. Dasselbe wiederholte sich 860 und 868. Eine Rebellion wütete von 874–878, bis es gelang, die Massen zu zersprengen und den Anführer hinzurichten. Die Aufständischen sammelten sich aber wieder und eroberten, unter einem neuen Anführer, die Hauptstadt, welche erst 883 zurückerobert wurde. Die unzufriedenen Rebellen ermordeten darauf ihren Führer, hielten sich aber noch als eine Anzahl kleiner Räuberbanden bis in den Anfang des 10. Jahrhunderts. Mehrere Statthalter befehdeten sich einander von 890 an, was 907 das Ende der Dynastie herbeiführte. Der Thronprätendent gab 30 Staatsbeamten und 9 kaiserlichen Prinzen den Tod. Fünf kurze Dynastien führten aber noch einen 50jährigen Krieg. Der Kaiser ließ 925 mehrere Beamte, die ihm Vorstellungen machten, hinrichten. Der Kommandant der Garde hilft 925 bei einer Palastrevolution und wird dafür 927 hingerichtet. Ein Statthalter gründet 901 eine eigene Dynastie, ein Minister desselben stürzt dieselbe 937 und nimmt selber den Kaisertitel an. Der Kaiser läßt 948 drei unbescholtene Minister hinrichten, nur weil sie dagegen waren, daß Staatsämter an alte Militärs gegeben würden. Zwei Generale werden 955 wegen Nichterfolg hingerichtet. Zwölf Staaten trennten sich ab von 890–979 und verursachten viel Blutvergießen. Ehrgeizige Statthalter standen an der Spitze. Ein Minister entthront 937 zwei Kaiser und setzt sich selber auf den Thron. Zu Anfang


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der großen Sung-Dynastie, 960, gab es noch 6 abgetrennte Staaten, die unterworfen werden mußten. Freischaren trieben ihr Wesen in Südchina um 1042, im Norden gab es 1039–1044 Krieg mit einem sich loslösenden Staat. Der König desselben, dessen Vater vom Kaiser mit dem Königstitel beehrt worden war, erkannte die chinesische Oberhoheit nicht mehr an. Der geniale Minister Wang Ansche veranlaßte 1092 die Entlassung, respektive Deportierung, von über 800 Beamten, um brauchbare Werkzeuge für Durchführung seiner Pläne in die Ämter zu bringen. Um 1101 wirkten die Kronräte noch in diesem Sinn, wurden deshalb die 6 Räuber genannt. Die Goldtataren machten 1127 einen Staatsbeamten zum Kaiser über China, der jedoch so allgemeinen Widerspruch fand, daß er den Thron sofort wieder aufgab. Ein Minister verdächtigte 1140 einen erfolgreichen General, so daß derselbe samt Familie hingerichtet wurde. Durch den Zwist zwischen dem Oberkommandanten und einem hohen Offizier wurde um diese Zeit eine große Niederlage der kaiserlichen Truppen durch die Goldtataren herbeigeführt. Intriguen eines Ministers gegen einen andern werden auch 1195 berichtet, der berühmte Chu Hi wurde infolge davon seines Amtes entsetzt. Ein Militärkommandant, der 1206 zu den Tataren überging und auch vier chinesische Distrikte überliefern wollte, wurde von seinen Soldaten ermordet. Im selben Jahre wurde auch der Staatsminister enthauptet und sein Kopf in das Lager der Tataren geschickt als die Ursache der Friedensstörung. Der Kronprinz wurde 1225 durch den Minister vergiftet. Mehrere Beamte ermordeten 1321 den rechtschaffenen Minister. Rebellenbanden erheben sich seit 1348. Der Sturz der Dynastie erfolgte 1367, aber erst 1371 war der Friede überall hergestellt. Im Jahre 1381 mußte schon wieder ein Aufstand in Yunnan unterdrückt werden. Viele Beamte wurden 1403 samt ihren Familien hingerichtet, weil sie sich dem Kaiser als Usurpator nicht fügen wollten. Ein ausgezeichneter Minister wurde 1580 nach seinem Tode von Feinden verleumdet, seine Familie deshalb verbannt und ihr Vermögen konfisziert. Zwei Rebellionen unter verschiedenen Häuptern brachen 1629 aus, und auch der große Seeräuber Koringa kämpfte gegen den Kaiser. Das Ende der Dynastie wurde 1644 dadurch herbeigeführt. Die Kämpfe mit den verschiedenen Thronprätendenten dauerten aber noch bis 1672. Der Vater des Seeräubers und Eroberers von Formosa, der sich schon 1628 unterworfen hatte, wurde 1661 mit zwei Söhnen hingerichtet, weil er seinen Sohn Koxinga nicht zur Unterwerfung bewegen konnte. Koxinga starb 1681 und sein Sohn übergab sich und Formosa 1683. Einer der Regenten, während des Kaisers Minderjährigkeit, wurde des Hochverrats angeklagt. Der 14jährige Kanghi, welcher eben die Regierung selber in die Hand genommen hatte, ließ ihn 1667 mitsamt seiner Familie hinrichten. Der


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Aufstand des Vizekönigs von Yunnan, der bis dahin das meiste beigetragen hatte, den Mandschu zur Herrschaft zu verhelfen, begann 1673. Nach dessen Tod wurde der Kampf vom Enkel weitergeführt, bis er sich 1682 nach dem Verlust seines Hauptquartiers den Tod gab. Alle Offiziere und Beamte seines Anhangs wurden hingerichtet, manche unter Martern. In Turkestan gab es häufig Unruhen. Mit den Eleuten hatte der Kaiser von 1691–1697 anstrengenden Krieg zu führen. Nur Uneinigkeit im Lager des Feindes verschaffte den Chinesen den Sieg. Der feindliche Anführer Galdan hatte seinen Bruder ermordet und die Braut von dessen Sohn sich angeeignet. Dieser Neffe rächte sich durch kriegerische Angriffe und später durch ein Bündnis mit den Chinesen. Als Galdan sich endlich vergiftete, drang Kanghi auf Auslieferung seines Leichnams, dessen Gebeine er zerstreuen ließ. Der Neffe kam später auch in Konflikt mit China, er eroberte und plünderte Lhassa 1709, brachte auch den Chinesen bei Hami Niederlagen bei, so daß eine neue Mandschu-Armee erforderlich war, Hami wieder zu erobern. Er behielt seine Autorität bis zu seinem 1727 erfolgten Tod. Sein Sohn beherrschte das Gebiet mit Geschickt. Die Chinesen bekriegten ihn 1729–1734 ohne Glück. Nach seinem Tode 1745 brachen Unruhen im eignen Lager aus. Der chinesische Kaiser sandte 1756 eine Armee von 150,000 Mann, welche erst siegte, dann aber aufgerieben wurde. Der Oberbefehlshaber wurde vom Feinde hingerichtet, 4 Generale wurden ihres Mißerfolgs wegen zum Gericht nach Peking beordert. Erst 1759 war das Gebiet unterworfen. Ein kleiner Aufruhr kam 1764 vor. Dann begannen Unruhen 1812, welche 1822 zum Aufruhr wurden. Kaschgar ging verloren, wurde aber wieder erobert und der Anführer hingerichtet.
    Auf Formosa brach 1721 ein Aufruhr aus. Die Hauptstadt wurde genommen und alle Beamten des Lebens beraubt. Durch Militär vom Festland wurde die Ordnung wieder hergestellt. Von 1786–1787 war wieder Rebellion, bis der Führer gefangen und hingerichtet wurde. Der Statthalter von Yunnan wurde 1746 nach Peking gerufen und hingerichtet, weil es ihm nicht gelungen war, Räubereien zu verhindern. Ein Aufstand der Miaotsz 1771 verursachte viel Blutvergießen. Der Anführer ergab sich auf des Kaisers Wort, wurde aber doch samt Familie in Peking hingerichtet. Der in Pamir siegreiche General fiel in Ungnade und wurde ohne Ursache öffentlich hingerichtet. Die Tibetaner erhoben sich 1749 und massakrierten alle Chinesen, wurden aber bald wieder unterjocht. Ein Staatsminister hatte 80 Millionen Taels angesammelt und wurde deshalb 1796 enthauptet. Geheimgesellschaften machten Attentate auf den Kaiser, 1803 und 1813. Auf Formosa brach 1830 wieder ein Aufstand aus, auf Hainan ebenfalls. Der Miaotsz-Aufstand von 1832 wurde nur mit Mühe unterdrückt. 1846 gab es wieder Unruhen in Kaschgar. Seeräuber


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regten sich 1849 bei Kanton. Die Taiping-Rebellion verwüstete mehrere Provinzen 1850–1864. Die Nienfi hausten zur selben Zeit in etlichen Nordprovinzen. Die muhammedanischen Panthays beherrschten Yunnan 1855–1873, ihr Ende war ein verräterisches Blutbad in der Regierungsstadt, wobei 30,000 ermordet wurden. Eine gleichzeitige muhammedanische Rebellion der Tungani verheerte Shansi und Nachbargebiete 1862-1878. Jakub Beg machte sich in Kaschgarien unabhängig 1866–1877.

    Man wird nach Durchlesung dieser Skizze geneigt sein anzuerkennen, daß es China an wichtigeren Dingen fehlt als an modernen Waffen und Maschinen. Es fehlt vor allem die Zuverlässigkeit und überhaupt der moralische Charakter seiner Beamten.


XI. Einiges aus der Kulturgeschichte Chinas.


Die älteste Zeit hatte patriarchalische Zustände, das Familienhaupt wurde zum Haupt des Stammes. Der mächtigste Stammfürst erlangte dann durch begünstigende Umstände eine Art Oberherrschaft über die andern Stammfürsten. Durch die Tschao, welche ein Stammfürstengeschlecht waren, aber 1120 v. Chr. durch Gewalt sich der Oberherrschaft bemächtigt hatten, wurden allmählich 55 erbliche Lehnsfürsten eingesetzt. Damit entwickelten sich die Feudalstaaten, welche allerdings die barbarischen Urbewohner allmählich ihrer Herrschaft und Kultur unterwarfen, aber auch mehrere Jahrhunderte lang fast ununterbrochen Krieg untereinander führten, bis um 230 v. Chr. einer alle andern verschlungen hatte. Beamte werden schon frühe (Sic! frühe, K. J.) erwähnt, welche den Hauptstaatsfunktionen vorstanden (siehe oben unter IV). Der geniale Minister eines der dominierenden Feudalstaaten förderte um 680 v. Chr. den Wohlstand seines Landes durch neue Erwerbszweige, Salzgewinnung, Bergwerke etc., wie auch durch Handelsstraßen. Wie barbarisch die Feudalfürsten auch wohl hausten, beweist die That des Gewalthabers 640 v. Chr., der einen der Fürsten als Opfertier schlachten ließ, nur weil er zu spät zur Versammlung gekommen war. Mit dem nächsten Gewalthaber oder Führer der Feudalfürsten, der 623 v. Chr. starb, wurden ein Sohn des Verstorbenen, drei Kinder aus der Familie und 177 andere Personen tot oder lebendig in die Gruft gesenkt, um ihm in der andern Welt zu dienen. Diese barbarische Sitte wurde erst von dem als Bücherverbrenner berüchtigten Kaiser um 220 abgeschafft, aber in der Ming-Periode erneuert, dann 1457 wieder abgeschafft. Eine Reform des Verwaltungs- und Finanzsystems wurde 371 durch einen genialen Minister im Staate Tshin angestrebt. Er führte statt der frühern Fron ein Steuersystem ein, das nur leider bald in Vergessenheit geriet, denn 1070 wurde der Versuch erneuert. Ferner erkannte er die Notwendigkeit fester Beamtengehälter, weiter verordnete er die Haftpflicht von je 10 Familien


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für einander, auch teilte er den Staat in Distrikte etc. Sein Grundsatz war Strenge in den Strafen, also Abschreckung. Eine allgemeine Volksentwaffnung wurde 219 angeordnet. Das Gesetz, wonach die ganze Familie mit dem Verbrecher leiden mußte, wurde 179 v. Chr. abgeschafft, besteht aber trotzdem bis heute fort, wie zahlreiche Beispiele beweisen. Geldprägung wurde 177 dem Volke freigegeben. Die allgemeine Wehrpflicht wurde zur selben Zeit abgeschafft, dagegen Militärkolonien an den Grenzen eingerichtet. Der Verkauf von Staatsämtern wird hier zuerst erwähnt. Im Jahre 1333 wird gesagt, daß es geschah Reis zu erlangen, um den vielen Notleidenden zu helfen. Leider ist dieses Reizmittel von Ämtern und Titeln noch heute erforderlich, um größere Beiträge zur Linderung von schreienden Notständen zu erlangen. Ein trauriges Armutszeugnis für den barmherzigen Sinn und den Stand der Mildthätigkeit in China! Die Strafe der Leibesverstümmelung, an Nase, Ohren und Füßen, wurde 167 abgeschafft und durch Haarabschneiden und Bastonade ersetzt. Die Todesstrafe wurde beschränkt, Landestrauer für den Monarchen auf drei Tage verkürzt. Eine Gelehrtenakademie wurde 136 gegründet und Professoren angestellt. Diese ging, wie es scheint, bald ein, wurde aber 502 erneuert, dann noch einmal 640. Der Ursprung der Staatsprüfungen fällt ins Jahr 134 v. Chr. Der Weinstock wurde 112 v. Chr. aus dem Westen nach China gebracht. Eine Forschungsexpedition in den Westen nahm 10 Jahre in Anspruch. Die neuerrichteten Lehnsstaaten wurden 113 wieder abgeschafft. Die Zeitrechnung, d. h. der Kalender, wurde 104 wieder mit den 12 musikalischen Tönen in Harmonie gebracht. Solche Harmonie des Universums ist ein Axiom der konfuzianischen Philosophie. Schwere Folter in der Untersuchung von Angeklagten anzuwenden, wurde 67 v. Chr. verboten (besteht aber noch immer). Ein Pavillon wurde 53 im kaiserlichen Garten errichtet und darin die Bildnisse der hervorragenden Staatsmänner aufgehangen. Auch um 627 n. Chr. ließ der Kaiser die Bildnisse von 24 Kronräten in einem seiner Paläste aufhängen.

    Das alte Agrarsystem der gleichmäßigen Bodenverteilung (Neunfeldersystem) wurde 9 n. Chr. wieder eingeführt, desgleichen die Sklaverei abgeschafft (besteht aber auch heute noch fort). Mongolische Nomadenstämme wurden angesiedelt und ihnen, wenn sie seßhaft geworden, dieselben Rechte erteilt wie den Chinesen, ja die Möglichkeit geboten, in den chinesischen Staatsdienst zu treten. Ein Kanal wurde um 605 gebaut zwischen dem Gelbfluß und dem Yangtze, allerdings zum Vergnügen des Kaisers, der seine Drachenschiffe durch 80,000 Mann fortbewegen ließ. An diesem Kanal bauten andere Dynastien weiter und 1291 wurde derselbe seiner ganzen Länge nach erneuert. Die Steuerrückstände wurden 821 erlassen und die Armee vermindert, um finanzielle Erleichterung zu verschaffen. Der Kaiser erleichterte die Lage des Volks, wo er konnte, 951–954. Den mit Vieh


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aus Staatsmitteln Versorgten erließ er die hierfür fälligen Abgaben, den Pächtern von Staatsdomänen übergab er die Felder als Eigentum. Er erließ die jährlich dem Kaiser dargebrachten Geschenke, ließ sogar alle Pretiosen aus dem Palaste entfernen und zerschlagen. Auch die Unterthanen der Nachbarstaaten unterstützte er mit Feldfrüchten nach Mißernten. Sein Nachfolger, 955-960, ließ an allen öffentlichen Gebäuden die Statuen eines Feldarbeiters und einer Spinnerin errichten, um zu den Agrikulturarbeiten anzuspornen. Eigentümliche nationalökonomische Reformen suchte ein genialer und deshalb berüchtigter Minister um 1070 durchzuführen. Er zwang alle Grundbesizer Staatsvorschüsse im Frühjahr zu nehmen und im Herbst nach der Ernte mit 20% Zinsen zurückzuzahlen. Allgemeine Wehrpflicht führte er wieder ein. Die Grundsteuer war in der langen Kriegszeit bedeutend erhöht worden, so daß der Kaiser 1296–1307 drei Zehntel davon erließ. Er unterstützte auch das Volk in Unglücksfällen freigebig. Steuern und Frondienst, beides bestand also wieder mit einander, erleichterte der Kaiser 1426. Derselbe unterzog auch den Strafkodex einer Revision und regulierte das System der öffentlichen Prüfungen. Das Rasieren des Vorderkopfes und Tragen des Zopfes wurde von 1644 an durch den ersten Mandschukaiser in China ein- und strenge durchgeführt.

    Schon aus diesen flüchtigen Andeutungen ist ersichtlich, daß es in China nicht an guten Ansätzen fehlte. Die Neuerungen waren jedoch fast alle sporadisch, d. h. vereinzelt, nicht unterstützt von gleichmäßigem Fortschritt auf allen Gebieten. Manche Neuerung war schon deshalb nicht heilsam, weil nicht im Zusammenhang stehend mit dem Gesamtleben der Nation. Man ist in China zu sehr daran gewöhnt, das Bestehende als gut anzusehen, und besonders wenn es lange bestanden hat. Fühlt man Mißstände, so führt man dieselben auf Abweichungen von den guten alten Einrichtungen zurück. Man sucht deshalb den Lauf der Geschichte etliche hundert Jahre, wenn nicht Jahrtausende, zurückzudrängen, ein Unternehmen, das schon oft versucht worden ist, aber sogar in China sich stets als eitel erwiesen hat.


XII. Zur chinesischen Litteraturgeschichte.


Die eigentümliche chinesische Schrift beruht auf etwa 100 ursprünglichen Zeichen, welche Figuren von so vielen Dingen darstellen. Diese einfachen Figuren wurden dann kombiniert, d. h. zwei oder mehr Figuren wurden zu einem Zeichen zusammengesetzt, das einen Begriff darstellte. Selbst damit konnte man jedoch noch keine Gedankenreihe in der Schrift wiedergeben. Man brachte darum den gesprochenen Laut, das phonetische Element, in der Schrift zum Ausdruck. Mit der phonetischen Schrift ist erst die


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Möglichkeit einer Litteratur gegeben. Der Anfang der phonetischen Schrift in China kann nicht weit über 800 v. Chr. hinaufreichen, höchstens könnte man annehmen zu Anfang der Tschao-Periode, um 1100. Aufzeichnungen in der älteren Bilderschrift waren jedoch vielleicht seit mehr als 1000 Jahren früher auf Stein oder Metall etc. vorhanden. Leider ist es jetzt noch nicht möglich, mit einiger Sicherheit über diese ältesten Denkmäler zu reden, weil die Überreste aus dem chinesischen Altertum noch nicht methodisch aufgesucht, resp. ausgegraben sind und die wenigen gelegentlichen Funde nur in notdürftig illustrierten Beschreibungen zugänglich sind. Es besteht kein Museum, woselbst man die Gegenstände selber sehen und mit andern vergleichen könnte.

    Sehr zu bedauern ist, daß die Chinesen ihr Schriftsystem nie gründlich durchdacht haben. Anstatt, wie die Japaner, die Silben zu fixieren, oder, wie in alphabetischer Schrift, auf die Laute der Sprache zurückzugehen, überließ man die Lautbezeichnung dem Zufall. Man erhielt dadurch eine übergroße, nicht mehr zu bewältigende Anzahl von Schriftzeichen, welche sich jährlich mehrt. Von dieser Schrift wurde auch die Sprachentwicklung beeinflußt. Die Weiterbildung wurde gehemmt. Da jedes Sprachzeichen ein Wort darstellt, so wurden alle Wörter aus der ältesten Zeit festgehalten, neue Begriffe aber dem ersten beigefügt, dann wurden Begriffe abgetrennt und durch andere Zeichen dargestellt. Es bildeten sich auch feststehende Redensarten, bildliche Ausdrücke, Synonyme in verschiedenen Teilen des weiten Sprachgebiets u. dgl. Die Schrift blieb aber fürs Auge geschrieben, nicht fürs Gehör berechnet. Das Phonetische blieb dem Figürlichen untergeordnet. Für die Staatszwecke Chinas, von der primitiven Zeit herunter bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts, war diese Schrift ein hinreichendes Mittel der Gedankenkommunikation. Man konnte in verständlicher Weise mitteilen, was man wünschte, unabhängig von den gesprochenen Sprachen und Dialekten des chinesischen Reiches und der Nachbarländer. Dieses war jedenfalls der Grund, daß keine der alphabetischen Schriften, welche nach China kamen, daselbst Verbreitung fand. Die Buddhisten brachten Sanskrit und Pali und übersetzten, aber ohne ein Alphabet aufzustellen für Translitteration von Namen und Wörtern, aus ihren heiligen Schriften ins Chinesische. Man begnügte sich, Silben durch einzelne chinesische Zeichen wiederzugeben und die Aussprache durch An- und Auslaut, d. h. durch zwei chinesische Zeichen zu bestimmen, ohne jedoch absolute Genauigkeit zu erreichen. Nach dem Sui-Katalog (circa 600 n. Chr.) gab es unter den 1950 buddhistischen Werken etliche, welche von Lautschrift handelten, aber es scheint, daß auch diese sich auf An- und Auslaut beschränkten, z. B. king = ki und ying. In Tibet wurde das Sanskritalphabet modifiziert für die tibetanische Schrift verwertet. Die Mongolen bildeten sich ihr Alphabet nach dem Uigurischen, in welchem das Syrische der Nestorianer verwendet ist. Die Mandschu


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folgten den Mongolen mit wenig Änderung. Beide Völker schreiben aber perpendikulär (von oben nach unten), wahrscheinlich, weil das handlicher ist für den Pinsel und vielleicht auch zu Ehren des Chinesischen, die Zeilen aber folgen von rechts nach links. Die Nachbarstaaten, Korea und Japan im Osten, Siam und Birma im Westen, gebrauchten ebenfalls alphabetische Schrift (resp. Silbenschrift in Japan). Durch die Nestorianer war syrisch,, durch die Muhammedaner Arabisch, durch eine jüdische Kolonie Hebräisch nach China gedrungen, trotzdem blieb China bei seiner alten Schrift und behielt das Übergewicht bis zur Berührung mit den Westmächten. Jetzt ist diese Schrift ein Haupthindernis geistigen Fortschritts.

    Die Litteratur in chinesischer Schrift ist sehr umfangreich, man könnte leicht über hunderttausend Bände zusammenbekommen. Gewöhnlich teilt man die Masse in vier Gruppen. 1. Die Klassiker oder heil. Schriften, nämlich der Konfuzianer. Das sind 13 Werke von ungleichem Umfang. Die Kommentare und Abhandlungen darüber füllen viele tausend Bände. Die Wörterbücher, deren es umfangreiche giebt, z. B. eins, das über 100 Bände umfaßt, werden auch hier eingereiht. 2. Geschichtswerke. Diese Gruppe ist sehr reichhaltig, gewöhnlich in 15 Abteilungen geteilt. Geographie, Biographie, Staatshandbücher und Altertumskunde ist hier mit eingeschlossen. In diesen Bänden ist viel wertvolles Material enthalten für Ortsbeschreibung, Produktion, Naturereignisse, Geschichte fast jeder bedeutenden Stadt, Klosters, Mannes, der Urbevölkerung, der umwohnenden Stämme und mancher Nachbarstaaten. 3. Philosophen. Der chinesische Ausdruck entspricht jedoch nicht unserem Begriff. Wissenschaften, soweit man im Chinesischen davon reden kann, sind hier mit eingeschlossen, auch die Künste. Man findet also Schriften über Militärwesen, Agrikultur, Medizin, Jura, Malerei, Musik, aber auch Encyklopädien, Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus. Vom Konfuzianismus sind hier nur Werke über Moral und Staatsweisheit aufgenommen, während vom Taoismus und Buddhismus auch deren heilige Schriften eingereiht sind. Die heiligen Schriften des Buddhismus füllen mehrere Hundert Bände, die gesamte buddhistische Litteratur mehrere Tausend, die taoistische Litteratur steht wohl an Zahl nicht viel zurück. 4. Die schöne Litteratur, Poesien und Aufsätze etc. ist noch am wenigsten bekannt. Ausgeschlossen davon sind Dramen und Novellen, sowie andere Tageslitteratur, welche verächtlich behandelt wird. Aufnahme findet nur, was politischen und moralischen Inhalts ist, nicht das rein Ästhetische. Diese gesamte Litteratur zeichnet sich deshalb aus durch einen guten moralischen Sinn und Geist, womit nicht behauptet ist, das der moralische Standpunkt, sowie das Ideal überall das höchste ist. Der Ideengehalt ist am tiefsten in den taoistischen, klassischen Werken. Die übrige Litteratur bietet manche gute Beobachtungen über die Natur und das


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Menschenleben, besonders über den Verkehr der Menschen unter einander, in den sozialen Zusammenhängen und im staatlichen Organismus. Die tieferen Fragen der menschlichen Natur werden kaum berührt. Nicht das Ewige, sondern das Zeitliche und dieses wieder in seiner ausschließlich chinesisch staatlichen Erscheinung beherrscht das Denken der zahllosen chinesischen Autoren. Die Einwirkung der Litteratur des Westens macht sich schon in den neuesten Publikationen bemerkbar. Der christliche Sinn und Geist, der ja schon im Semitischen und Arischen, sowie im Hamitischen (ägyptisch) seine siegreiche Kraft bewährt hat, wird sich auch im Chinesischen als Schöpfer eines neuen Lebens beweisen. Diese Wirkung steht jetzt in ihren Anfängen.


XIII. Der Taoismus.


1) Man nennt gewöhnlich Laotsz (Sic! Laotz, K. J.) als Stifter. Das ist jedoch nur wahr in demselben Sinne als Konfuzius der Stifter des Konfuzianismus ist. Man sollte sagen, daß Laotsz der Hauptvertreter (oder Organisator ?) des Taoismus sei. Der Taoismus faßt in sich die Urreligion Chinas und alle Richtungen des altchinesischen Geisteslebens, welche im Konfuzianismus kein Unterkommen fanden. Dahin gehören besonders die verschiedenen naturphilosophischen Versuche und im Zusammenhange damit der Glaube an die Möglichkeit der Überwindung des Todes durch Beihilfe des Unsterblichkeitstrankes. Der Mensch geht darauf mit Leib und Seele ins ewige Leben ein, lebt ein höheres Dasein, erhaben über die Gesetze der Materie, in schönen Grotten, auf den heiligen Bergen, oder auf den Inseln der Seligen u. s. w. Es ist merkwürdig, daß ein solcher Glaube, der entfernte Verwandtschaft hat mit dem christlichen Auferstehungsglauben, unter den nüchternen Chinesen von der ältesten bis in die neueste Zeit Anklang finden konnte. Man erwähnt Tausende von Personen, welche diesen Zustand der Unsterblichkeit erreicht haben sollen mit Namen, und von vielen wird die Lebensgeschichte erzählt. Es wird sogar behauptet, daß über Hunderttausend dieses Ziel erreicht hätten. Der berüchtigte Kaiser, welcher 220 v. Chr. die konfuzianischen Bücher verbrennen ließ, war dem Taoismus ergeben. Er ließ 217 einen taoistischen Gelehrten mit etlichen Tausend Kindern beiderlei Geschlechts übers Meer nach Osten fahren, die drei Berge (Inseln) der Religion aufzusuchen. Auch Goldmachen, Zauberei und Magie wurden schon frühe im Taoismus geübt. So überredete ein Adept um 133 v. Chr. den Kaiser, aus Zinnober Gold, aus Schnee Silber machen zu können. Dieser Alchimist starb auf einer Reise nach den Inseln der Religion. Als der Kaiser später seinen Sarg öffnen ließ, befanden sich nur dessen Kleider darin. Der Aufstand der Gelbmüßen 184 n. Chr. war taoistischen Ursprungs. Die blutigen Wirren dauerten fort, bis 224 ein neues Herrscherhaus auf den Thron kam. Kung Ming, der Hauptheld der Kriegsgeschichte


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jener Zeit, war ein taoistischer Zauberer. Ein geköpfter General derselben Periode wurde zuerst vom Taoismus zum Kriegsgott erhoben, aber Buddhismus und Konfuzianismus wetteiferten bald in dessen Anbetung. Er ist jetzt der Nationalgott der Chinesen. Im Jahre 446 ließ ein dem Taoismus ergebener Kaiser viele Buddhistenpriester töten und ihre Tempel und Klöster zerstören. Zwischen 550 und 560 wollte der Kaiser des Tshi-Staates den Buddhismus und Taoismus mit einander vereinigen. Er ließ 4 Taoisten hinrichten, weil sie sich weigerten, die Tonsur anzunehmen und Buddha anzubeten. Damit ging die Union durch. Ein Kaiser der Tschao 561–578 verbot sowohl Taoismus als Buddhismus. Er lies sowohl die Bücher als Bilder zerstören und zwang deren Bekenner zum Abfall. Ein Zwangsunionsversuch wurde wieder 1119 gemacht.

    Im Jahr 666 erhielt Laotsz den Titel „erhabener und tiefer Kaiser" und göttliche Verehrung. 674 wurde auf kaiserlichen Befehl das älteste taoistische heilige Buch als Textbuch in die Schulen und für die Prüfungen eingeführt. 824 starb der Kaiser am Lebenselixir, ebenso der Kaiser 846. Letzterer gründete zwei hohe Staatsämter für die Taoisten. 859 wurde schon wieder ein Kaiser an den Folgen des Elixirs hingerafft. Ein Kaiser der Sung 998–1022 ergab sich allem taoistischen Aberglauben. Seither hat der Taoismus wenig Einflus auf den Kaiserhof ausgeübt. Der erste Mongolenkaiser Kublai Khan, (Sic! Komma, K. J.) ließ nach seinem verunglückten Krieg gegen Japan alle Bücher der Taoisten, mit Ausnahme des Taotz-Kanons (Sic! Taotz, K. J.), auf Anstiften der Lamapriester verbrennen, etwa um 1282. Um 1403 ließ der Kaiser alle Bücher der Taoisten, welche vom Unsterblichkeitstrank handelten, verbrennen. Aber von 1488 ab beschäftigte sich der Kaiser wieder mit Herstellung des Elixirs. Um 1540 sandte der Kaiser in alle Provinzen nach diesem Ewigkeitsmittel.

    Der taoistische Papst erfreut sich noch heute derselben Würde, die sein erster Vorgänger im Jahre 423 n. Chr. vom Kaiser mit dem Titel „Himmels-Präceptor" erhielt. Diese Würde blieb seither erblich in der Familie. Man nimmt an, das dieser Papst Oberherr sei über die Götter und Geister, welche im Reiche angebetet werden, das er sie auf kaiserlichen – nicht Gottes! – Befehl einsetzt und absetzt, befördert und degradiert. Er giebt den Göttern eine Audienz am ersten jeden Monats, wozu alle vom Himmel, aus der Unterwelt, dem Meer etc. herbeikommen. Er ist im Besitze des Zauberschwerts, womit er böse Dämonen bezwingt und sie in irdene Krüge verschließt. Er regiert als Stellvertreter des Jaspis-Gottes auf Erden. Die Taoistenklöster erhalten auch ihre Licenz von ihm. Die Taoistenpriester dürfen verheiratet sein. sie sind besonders bekannt als Exorzisten und Verfertiger von Zaubermitteln, Amuletten, auch von Medizinen.

    Der taoistische Götzendienst ist wenig verschieden vom buddhistischen.


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Eine Trimurtia steht an der Spitze des Pantheons, dann kommt der Jaspisgott. Er wurde erst im 12. Jahrhundert unserer Zeitrechnung durch den Kaiser zum höchsten Gott unter den Göttern erhoben. Unter ihm stehen die vielen Sterngötter, der 28 Sternbilder, der 60 Cyclussterne, der 129 glück- oder unglückbringenden Sterne, dann die Götter der 5 Elemente, der Naturerscheinungen, der Krankheiten, der Medizin, der Tiergötter, wie Fuchs, Tiger, Drache u. s. w., der Litteratur, besonders auch die unzähligen Lokalgottheiten, an deren Spitze die Stadtgottheiten stehen. Die religiöse Gemeinschaft der Taoisten ist ausschließlich klösterlich. Aufs Volk wirkt der Taoismus durch seinen Götzendienst, Exorzismus und besonders durch Orakel. Gepredigt wird nicht. Belehrung geschieht schriftlich.

    Die älteren heiligen Schriften des Taoismus gehören zum tiefsten, was die chinesische Litteratur besitzt. Es erscheinen immer wieder neue Kommentare. Leider fehlt es noch sehr an gründlichen kritischen Ausgaben, die Texte haben im Laufe der Zeit nicht unbeträchtlich gelitten. Von neueren taoistischen Produktionen sind besonders zwei populär durch moralischen Inhalt und durch Betonung der Vergeltungslehre, teilweise mit abschreckenden Ausmalungen der Höllenstrafen.

    ​Überblickt man die Geschichte des Taoismus in der Vergangenheit, so kann man kein günstiges Prognostikum für die Zukunft stellen. Die innere Entwicklung ging aus der Fülle in die Leere, aus dem Lichte der Wahrheit ins Dunkel des Aberglaubens. Auch die Machtstellung der taoistischen Päpste blieb ohne Resultat. Obschon dieselben nahezu 1500 Jahre ihre Würde bekleiden, berichtet die chinesische Geschichte von keinem dieser Häupter des Taoismus, daß er einem kaiserlichen Wüstling strafend entgegengetreten sei, noch daß er einen wilden Rebellen vom blutigen Unternehmen bekehrt habe zu friedlicher Genügsamkeit. Da sind die römischen Päpste wie auch die byzantinischen Patriarchen doch ganz andere Faktoren in der Geschichte.


XIV. Der Konfuzianismus.


Obschon dieser seine Wurzeln ebenfalls im chinesischen Altertum hat, ist er doch wesentlich eine Reaktion gegen die damals, im 6. Jahrhundert v. Chr., herrschende Religion und Moral, also eine Reformbestrebung. Das Verhältnis ist sehr ähnlich dem des Protestantismus zum Katholicismus. Konfuzius wollte nichts Neues, sondern das Alte in humaner Reinheit. Er war durchaus nicht antireligiös. Einige Aussprüche werden von bücherschreibenden Ausländern viel zu häufig mißbraucht. Darüber, was man unter Koufuzianismus zu verstehen hat, entscheiden mit unwidersprechlicher Gewißheit die heiligen Schriften des Konfuzianismus. Man bezeichnet dieselben gewöhnlich als die chinesischen Klassiker. Es sind deren dreizehn. Davon sind acht ins Englische übersetzt, zwei weitere (Chow li und J li) ins


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Französische und drei wären noch zu übersetzen. Man findet in diesen 13 Klassikern bereits ein sehr verzweigtes System religiöser Gebräuche, auch etliche Versuche theoretischer Erklärung, aber allerdings kein dogmatisches, noch weniger ein wissenschaftliches System. Man unterschied schon frühe drei Gruppen von Gottheiten, solche des Himmels, der Erde und der Menschen. Außerdem war der Ahnenkultus sehr ausgebildet. Opfer mancherlei Art wurden zu den festgesetzten Zeiten nach genau vorgeschriebenem Ritus dargebracht. Orakel wurden gefragt vor jedem Unternehmen, selbst den geringfügig scheinenden. Das häusliche wie das öffentliche Leben war und ist bis heute durchwoben von religiösen Gebräuchen. Jeder der 13 Klassiker ist ein Beleg dafür, aber in besonderer Fülle tritt das Gesagte in den drei Werken über Riten (li) zu Tage, ferner in den drei Erläuterungen (chüen) zum Frühling–Herbst (Annalen von Lu), besonders von Tso. Allerdings legte Konfuzius und seine Schule viel Nachdruck auf Moral, doch Laotsz und seine Schule nicht minder. Man übersieht häufig, daß nicht das das Unterscheidende des Konfuzianismus vom chinesischen Altertum war, die Moral gegen die Religion zu stellen, sondern die Moral der Aktivität, der Handlung zu betonen gegenüber der des Gehenlassens, der Passivität, resp. des Indifferentismus. Weiter machte der Konfuzianismus Front gegen den Sensualismus und gegen den Vulgär-Eudämonismus in der Politik. Der Konfuzianismus geht von den edlen Anlagen der Menschennatur aus, welche er zur Herrschaft bringen will im persönlichen Leben, in der Familie und im Staat. Das Prinzip der Autorität, also der Wille, nicht die Naturnotwendigkeit beherrscht die Moral und Politik des Konfuzianismus. Allerdings ist dieser Wille nicht der eigne Wille oder Freiheit, sondern die Geltung des Willens von Mitmenschen, von Vorgesetzten, also Subordination, Unterordnung des eignen Willens. In der Familie gilt der Vater, in der Gemeinde (Dorf etc.) das Alter, im Staate der Kaiser, über alle das Altertum, besonders dessen gegenwärtige Stimme in den Klassikern oder heiligen Schriften.

    Im Konfuzianismus wie im Taoismus sind Religion, Moral und Politik innig verschlungen, von Physik ist kaum die Rede, sie ist jedenfalls jenen drei Gebieten ganz untergeordnet. Dadurch, daß Konfuzius die alte Litteratur sammelte und seiner Schule zu Textbüchern überlieferte, half er seiner Sache zum Siege. Es vergingen allerdings noch Jahrhunderte, bis die Herrschaft schließlich errungen war, aber der nationale Gedanke, der sich in seiner Schule verkörperte, brach sich unwiderstehlich Bahn. Erst wurde der alte Rivale Taoismus überwunden, in langem Ringen, wobei der Konfuzianismus auch noch manche Veränderung durch die geniale Regsamkeit und eindringende Gegenwirkung des Taoismus erfuhr. Noch während dieses Kampfes erschien auch schon der andere große Rivale, der Buddhismus,

 

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von Indien her. Gegen diesen behauptete der Konfuzianismus ebenfalls siegreich das Feld, aber nicht ohne weitere Umgestaltung zu erfahren. Es sind also zu unterscheiden der Konfuzianismus 1. der Klassiker, 2. der taoistisch veränderte, 3. der buddhistisch beeinflußte und 4. eine modern kritische Richtung durch Einwirkung des Westens.

    Die erste Periode ist die der Originalproduktion in klassischer Form, ethisch und ritualistisch zugleich. Die zweite Periode ist exegetisch. Der Geisterdienst ist aber schon entartet zum Götzendienst, den Riten wird teilweise eine magische Bedeutung zugeschrieben. Dualismus und Elementenlehre werden ausgebildet. Das Schicksal oder Fatum wird stärker betont, darum erlangt Astrologie und Wahrsagekunst größeren Einfluß. Wundersucht erstickt jede kritische Regung. Die dritte Periode ist metaphysisch, besonders naturphilosophisch, denn alles wird aus Urkraft und Urmaterie abgeleitet. Betrachtung und Erforschung der Natur und ihrer stets wirkenden Gesetze wird vernachlässigt, darum wird das Studium immer mehr zur antiquarischen Gelehrsamkeit und Phrase. Die Exegese steht im Dienst der Theorie. In neuester Zeit sucht man grammatisch-exegetisch zu verfahren. Damit in Verbindung steht ein Anfang von Textkritik. Realkritik ist nicht ganz abwesend, aber noch sehr vereinzelt.

    Was dem Konfuzianismus in China zur Herrschaft verhalf, ist unstreitig sein Verdienst um die Klassiker. Diese enthalten das Beste, was der chinesische Geist hervorgebracht hat, sind also der entsprechendste Ausdruck des chinesischen Ideals. Das heißt mit andern Worten, der Gedanke des Chinesentums findet sich verkörpert in den Klassikern und hat seine reinste persönliche Gestaltung in Konfuzius. Was die Klassiker auszeichnet vor andern Produkten chinesischer Zeitgenossen, ist die Erkenntnis des rein Menschlichen im Zusammenhang mit dem Staatsganzen. Die älteren taoistischen Werke sind vielfach tiefer und geistreicher, aber oft einseitig individualistisch an Skepticismus streifend, oder auch sozialistisch, den Staat nur als Organismus anerkennend für materielle Wohlfahrt, nicht in erster Linie als Pfleger aller ethischen und intellektuellen Anlagen, sowie überhaupt aller Güter des menschlichen Lebens, der idealen nicht minder als der materiellen. In seiner Moral schwankt der Taoismus zwischen den Extremen sensualistischen Epikuräertums und asketischen Einsiedlerwesens. Die chinesischen Klassiker sind also durchaus nicht zu unterschätzen in ihrem Wert für China. Der Konfuzianismus predigt eine moralische Weltordnung, welche der einzelne nicht ungestraft durchbricht, ethische Selbstvervollkommnung, worin der Weise sein Glück allein findet. Das war stets ein Antrieb zum Kampf mit den Versuchungen der Sinnlichkeit. Leider bot der Konfuzianismus nicht auch die Kraft zur Überwindung, darum zeigt die Geschichte Chinas ein Bild des Niedergangs, nicht des Aufschwungs. Der


Foto aus dem Faber-Buch von 1895, Foto-Benennung "Ein Taoistenpriester und zwei Zöglinge." ||| Die Fotoseite war unpaginiert nach Textseite 64 in die Publikation eingebunden. Die Druckvorlage stammt (siehe rechts unten in dem Oval) von "Gaillard". Wir kennen andere Bilder von Gaillard, auch Bildpostkarten. Es ist Edm./Edmund Gaillard in Berlin. Das museum-digital.de weiß zu Gaillard: „Kunstanstalt und Kunsthandlung in Berlin, stellte u. a. Fototypogravüren her.“ Ich selber fand im „Berliner Adressbuch für 1894“, Theil I., Druck und Verlag von W. & S. Loewen­thal, Seite 359, Gaff bis Gall: Edm. Gaillard, Königliche Hofkunsthdl, Kunstanstalt f. moderne, auf Photografie beruhende Reproduktion, SW (stünde für Postbezirk Südwest), Lindenstr. 69. Inhaber ist E. Gaillard, und II. finden wir auch = 2. Stock. Eine Art von A steht zudem noch für Fernsprechanschluss. Er ist noch auch kurz in „III. Verzeichniß der Einwohner Berlins nach ihren Beschäftigungen und Gewerben“ auf Seite 208 zu finden. In heutiger Sprache: ein „Repro“-Betrieb, früher vielleicht auch noch "Klischee-Anstalt" genannt. Auch im Jahr 1932 z. B. ist diese Firma von Gaillard bzw. eine Firma unter dem Namen Gaillard immer noch existent, aber jetzt (nur? auch?) als Druckerei-GmbH aktiv. – Edmund Gaillard selbst, übrigens auch Erfinder (!), starb 58-jährig, bereits am 15.6.1900, so meldet das „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel ...“, allerdings erst am 6.5.1901. K. J.


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Taoismus versenkt sich in den Gang der Natur, faßt auch den Geist als Natur, aber als reinste und feinste (ätherisch). Er will die Materie in den Geist erheben mit ethischen Mitteln, aber teilweise auch mit sinnlichen. Leider hat es der Taoismus weder zu gesunder Naturwissenschaft noch zu erhebender Geisteswissenschaft gebracht. Er führte jedoch seine Naturphilosophie, seine Dualkräfte, Elementenlehre, Zahlenmystik etc. in den Konfuzianismus ein. Auf die Politik hat er teilweise günstig gewirkt durch seine Betonung des Naturlaufs und der persönlichen Freiheit.

    Der Buddhismus predigt die Eitelkeit der Welt. Seine Moral hat weniger positiven Gehalt als die konfuzische, aber er wirkte auf den Konfuzianismus einerseits durch die Bedeutung der Meditation, also geistiger Betrachtung gegenüber der That, d. h. Abkehr des Geistes von der Außenwelt. Weiter imponiert in noch höherem Grad seine konsequente Vergeltungstheorie nach dem Tod. Der Tod ist nur eine Durchgangspforte in eine andere Form des Lebens. Sonst wirkt der Buddhismus zersetzend auf den Staat, konnte deshalb auf die praktischen Staatsmänner Chinas keinen Eindruck machen. Weiteres siehe unter XVI. Die regierenden Kreise Chinas erkannten im Laufe der Jahrhunderte auch immer deutlicher die Bedeutung ihrer Klassiker und ihres Konfuzius. Die Klassiker wurden die Textbücher in den Schulen und für die Staatsexamina. Jedermann, der eine Stellung im Staatsdienste hat, oder als Lehrer thätig ist, oder sich darauf vorbereitet, kennt den Inhalt der Klassiker (doch nicht aller 13) auswendig, dazu auch die autorisierten Erklärungen. Solcher Leute giebt es etliche Millionen in den Provinzen Chinas. Noch zahlreicher sind solche Personen, welche, ohne ihre klassischen Studien zu vollenden, einen Beruf des Erwerbslebens ergriffen haben aber doch etliche der Klassiker auswendig wissen. Dagegen ist eingehende Bekanntschaft mit den taoistischen und buddhistischen heiligen Schriften eine große Seltenheit selbst in den betreffenden Klöstern. Unter 1000 Kennern der konfuzianischen Schriften ist ferner kaum einer zu finden, welcher Buddhismus studiert hätte, mit dem Taoismus ist man dagegen besser bekannt, da dessen Hauptwerke der Nationallitteratur angehören. Die populären Ermahnungsschriften des Buddhismus sind am weitesten verbreitet und nicht ohne Wirkung auf die Massen. Immerhin kann es keine Frage sein, daß der Konfuzianismus und nicht der Buddhismus dem chinesischen Geist seinen Stempel aufgeprägt hat. Dieses war möglich, da der Konfuzianismus selber die kräftigste Ausgeburt dieses Geistes ist. Man mag Mongolen und Tibetaner, Siamesen und Birmaner mit Recht Buddhisten nennen, die Chinesen sind Konfuzianer, trotz des buddhistischen Flitters, der ihnen anhängt und der manchen europäischen Gelehrten die Augen geblendet hat.

    Seit China im Wechselverkehr steht mit den übrigen Staaten der Welt, muß natürlich das Chinesentum, resp. der Konfuzianismus sich messen


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und wird gemessen mit dem Christentum und dessen verschiedenartigen Ausprägungen. Darüber siehe die Abschnitte XVIII–XX.


XV. Der Tempel des Konfuzius.


Charakteristisch für den Grad der Verehrung des Konfuzianismus in China ist die Geschichte des dem Konfuzius geweihten Tempels. Merkwürdig ist, daß kein Kaiser der Tschao-Dynastie den Konfuzius der Beachtung wert hielt, trotzdem Konfuzius es sich angelegen sein ließ, die gesunkene Kaisermacht wieder zu befestigen. Erst der Gründer der Han-Dynastie besuchte 195 v. Chr. das Grab des Konfuzius, der 481 gestorben war, also fast 300 Jahre nach dessen Tod. 50 Jahre später wurde der erste Tempel im Geburtsort des Konfuzius errichtet. Im Jahre 1 n. Chr. ließ der Kaiser einen Tempel bauen, worin dem Konfuzius und dem Herzog von Tschao Opfer dargebracht wurden. Im Jahre 72 opferte der Kaiser dem Konfuzius und seinen 72 Schülern. Etwas später unter demselben Kaiser fand die Feier unter Musikbegleitung statt. Im Jahre 178 wurde ein Bildnis statt der Namenstafel aufgestellt. Blutige Opfer wurden dem Konfuzius 267 in der kaiserlichen Akademie und in seinem Geburtsort vieteljährlich (Sic! Druckfehler >>vietel<< so im Original, K. J.) dargebracht. 472 erschien ein Edikt, worin es den Frauen verboten wurde, im Tempel des Konfuzius um Kinder zu beten. Um 480 wurde in der Hauptstadt ein Tempel errichtet. Im Teilstaat Nord-Tshi wurde in jeder Regierungsstadt ein Tempel errichtet und seine Lieblingsschüler mit Konfuzius verehrt. Im Jahre 624 wurde Konfuzius zum Genossen des Herzogs von Tschao gemacht. Einige Jahre später wurden Tempel befohlen in jeder Präfektur und Kreisstadt, auch 22 Ehrwürdige kanonisiert zur Teilnahme an den Opfern. Im Jahre 712 wurde noch ein anderer Schüler zum Genossen erhoben. Einige Jahre darauf wurde die Klasse der 10 Weisen im Tempel eingeführt. Thonfiguren wurden 960 statt der hölzernen gebraucht. Mencius wurde 1084 als dritter Genosse beigefügt. Im Jahre 1267 wurden die vier Genossen bestimmt, wie dieselben noch heute in den Tempeln fortbestehen (der Enkel des Konfuzius ist der vierte). Ein Tempel wurde dem Konfuzius in Peking 1306 gebaut. Die Opfer wurden 1368 halbjährlich festgesetzt, und zwei Seitenhallen wurden jedem Tempel beigefügt für die Altäre der Schüler. Im Jahre 1530 wurde eine allgemeine Revision des Tempels vorgenommen, auch Holztafeln mit Namen wieder für die Thonbilder eingeführt. Der Kaiser verordnete 1645, daß der oberste Civilmandarin an jedem Orte die Feier leiten solle. Kanghi befahl auch den Militärmandarinen teilzunehmen. Er erhob auch Chu Hi unter die Weisen, später wurde noch einer beigefügt, die Zahl auf 12 gebracht. Die Ordnung wurde seither noch mehrere Male verändert. Der Tempel enthält jetzt außer Konfuzius die vier Genossen.


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Sie sind gewissermaßen seine spezielle Tischgesellschaft, alle vier stehen im Range von Heiligen oder Makellosen. Dann folgen die 12 Weisen; es sind das anerkannt tüchtige Konfuzianer. Dann kommen die 79 Ehrwürdigen. Darunter sind viele, von welchen nur die Namen bekannt sind, über ihren Charakter und ihre Leistungen dagegen schweigt die Geschichte. Die 66 Mustergelehrten stehen zuletzt. Das sind zusammen 161 Namen. Mit dem Tempel in Verbindung steht, entweder hinten oder auf der Ostseite, eine Ahnenhalle für Konfuzius (Sic! Ohne Apostroph, K. J.) Vater seit 1008. Seine Vorfahren sind dort bis zur fünften Generation aufwärts aufgestellt seit 1724. Die Väter der vier Genossen und der fünf Begründer der Sungphilosophie sind auch da zu finden seit 1437 und ein Halbbruder des Konfuzius seit 1857. Dieses sind 15 Personen mit den obigen 161 zusammen 176 Mitgenossen der Ehren des Konfuzius und Teilhaber an den Opferfestlichkeiten in den circa 2000 Tempeln, welche dem Konfuzius in China geweiht sind. Daß aber auch diese Ehre eitel ist, haben manche Tafeln erfahren müssen, die für immer entfernt wurden, andere wurden auf Jahre oder Jahrzehnte entfernt, dann wieder aufgenommen, andere wurden erhöht oder erniedrigt.

    Die Nachkommen des Konfuzius wurden auch vom Kaiser geehrt. Das Familienhaupt hat den Rang eines Herzogs erblich. Die Gesamtzahl der Nachkommen beläuft sich auf Tausende. Sie sind die Wächter des Grabes ihres Ahnherrn und seines Tempels an seinem Geburtsort. In der Nähe des Grabes von Konfuzius sind die Gräber der Häupter seiner Stammlinie, über 70 Generationen, ein Friedhof einzig in seiner Art. Dieser Kultus hat für den oberflächlichen Betrachter etwas Imponierendes. Wenn wir aber fragen, welchen Einfluß hat diese älteste Adelsfamilie auf die Geschicke Chinas ausgeübt? so (Sic! Klein und ohne Komma folgt: so, K. J.) suchen wir vergebens in der chinesischen Geschichte danach, aus dem einfachen Grunde, weil nichts darüber zu sagen ist. Wächter des Grabes, der Modergebeine, aber nicht des Geistes und der Sittenstrenge des Meisters sind diese Herzoge der Kung-Familie gewesen durch die Jahrhunderte und sind es noch. Wohl gab es einige Gelehrte von Bedeutung unter ihnen, aber keiner erhob eine Prophetenstimme in sittenverderbter Zeit, um dem Ruin seines Volkes zu wehren, keiner trat auf als Helfer der Armen und Unterdrückten in Zeiten der Tyrannei, keiner predigte die ideale Berufung der Nation, wenn China zertreten war unter den Füßen der kriegerischen Barbarenvölker. Wenn irgendwo zeigt sich in dieser Nachkommenschaft am Grabe des Konfuzius, daß der Konfuzianismus erstorben (Sic! Nicht verstorben, und: erstorben extra durch Sperrdruck, hier kursiv dargestellt, betont, K. J.) ist; er gehört der Vergangenheit an, ist nicht mehr eine Lebenskraft der Gegenwart.


XVI. Der Buddhismus.


Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß China schon in den ältesten Zeiten, wahrscheinlich schon in der prähistorischen Periode, vom Auslande


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mancherlei Gutes empfangen hat. Die astronomischen Bezeichnungen für die Planeten, Monate, die Cyklusbestandteile, zwölf Namen und zehn, die Schriftzeichen dafür, die Zahlzeichen u. dgl., die Seidengewinnung, die Haustiere, Metallarbeit u. s. w. werden schon im ältesten Altertum als bekannt vorausgesetzt und mythologischen Herrschern zugeschrieben. Jedenfalls ist es beachtenswert, daß alles Gute von einem Kaiser herstammt oder auf kaiserlichen Befehl von einem Minister. Der Überlandweg von China zu den Kulturländern des Westens konnte wohl nur durch Turkestan nach Persien und von da nach Indien führen. Vielleicht auch von Persien nach Chaldäa und Arabien, möglicherweise von da weiter nach Ägypten. Aber Sicheres über diese urältesten Beziehungen ist bis jetzt nicht bekannt. Dasselbe gilt vom Seeweg durch die Straße von Malaka nach Indien und weiter ins Arabische und Persische Meer. Ob buddhistische Missionare schon im 3. Jahrhundert v. Chr. von Indien nach China kamen, ist ebenfalls fraglich. Dreihundert Jahre später erlangte jedoch der Buddhismus die kaiserliche Gunst und damit allmählich weite Verbreitung im Reich und darüber hinaus. Im Jahr 335 erhielten chinesische Unterthanen die Erlaubnis, Mönchsgelübde auf sich zu nehmen. Der Mönch Fa Hien machte 399 eine Reise nach Indien und kehrte 414 zurück. Sein Reisebericht ist mehrfach übersetzt. Auf ein Edikt des Kaisers wurden 426 die Götzen und Bücher der Buddhisten zerstört, auch viele Priester getötet. Erst 451 wurde Erlaubnis erteilt, in jeder Stadt einen Tempel zu errichten und 40–50 Priestern, mit jedem in Verbindung zu stehen. Der erste Kaiser, der den Buddhismus selber annahm, war Hien Wen, welcher 466–471 einen Teil Chinas regierte und blutige Kriege führte. Er ließ 467 eine 43 Fuß hohe Buddha-Statue anfertigen, dazu wurden 100 Zentner Bronze und 6 Zentner Gold verwendet. Er dankte bald ab zu Gunsten seines 5 jährigen (Sic! Hier mit Leerzeichen zwischen 5 und jährig, sonst solche Angaben meist zusammengeschrieben, K. J.) Sohnes, um sich ganz dem Buddhismus zu widmen. Dessen ungeachtet ließ er den Günstling seiner Gemahlin umbringen, wofür diese ihn vergiftete. Zu Anfang des 6. Jahrhunderts gab es über 3000 Buddhisten aus Indien in China. Sie fanden gute Aufnahme. Mehrere Priester wurden 515 hingerichtet, weil sie angeblich Zauberei trieben. Im Jahre 518 ging ein Priester nach Indien, um Bücher zu sammeln und brachte 175 buddhistische Werke zurück. Kaiser Wu der Liang-Dynastie wurde 527 Mönch. Er beherrschte nur einen Teil Chinas und erlitt, von einem Rebellen im Palaste eingeschlossen, den Hungertod. Die Kaiserin-Mutter vergiftete 528 ihren Sohn, den regierenden Kaiser, weil er ihr unzüchtiges Leben tadelte. Sie war trotzdem eine eifrige Buddhistin, hatte auch eine mehrere hundert Fuß hohe Pagode errichten lassen. Auch Kaiser Wu der Tschen-Dynastie, 557–559, war ein Buddhist, was ihn nicht hinderte, den 16 jährigen Kaiser, der zu seinen Gunsten abgedankt


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hatte, hinrichten zu lassen. Der berühmte Mönch Hientsung begann seine Reise nach Indien 629. Er brachte von da 657 Werke zurück. Dann übersetzte er mit 12 Mönchen, während 9 andere revidierten. Zu der Zeit gab es 3716 Klöster in China. Die heiligen Schriften wurden 684 in einer Sammlung vereinigt. 12,000 Priester wurden 714 gezwungen in die Welt zurückzukehren, auch wurde das Schreiben von Büchern sowie die Verfertigung von Götzen und Tempeln verboten. Ein Kaiser der großen Thang-Dynastie, 763-780, erklärte in einer Aula die buddhistischen Schriften vor Hunderten von Zuhörern. Er verlieh einem Priester den Fürstentitel. Zu seiner Zeit drangen die Tibetaner ins Reich und verbrannten den Kaiserpalast. Etwas später, 806-820, begünstigte ein Kaiser erst den Buddhismus, besonders den Reliquiendienst, 819 wurde ein Buddhaknochen mit großer Feierlichkeit empfangen. Dann begünstigte derselbe noch mehr den Taoismus, wurde aber zuletzt seiner Mordlust wegen von den Eunuchen hinweggeräumt. Der Kaiser, welcher 841–846 regierte, ging aus Abneigung gegen den Buddhismus zum Taoismus über. Er befahl 845 den Mönchen, das Haar wachsen zu lassen d. h. also wohl die Rückkehr in die Welt. Es gab damals 44,660 Tempel und Klöster, welche eingezogen resp. zerstört wurden, damit waren verbunden 260,500 Mönche und Nonnen und 150,000 Sklaven. 3000 Nestorianer-Mönche teilten dasselbe Schicksal. Sein Nachfolger restituierte den Buddhismus, verbot aber 852 doch den chinesischen Unterthanen, in ein Kloster zu gehen. 860-873 beschenkte der Kaiser die Mönche reichlich, schrieb selber heilige Bücher ab und ließ eine Reliquie des Buddha aus einem entfernten Kloster herbeiholen. Seit 915 befindet sich die Insel Puto südlich von Ningpo als kaiserliches Geschenk im Besitz der Buddhisten, der Tientai-Berg, ebenfalls in der Chekiang-Provinz, schon seit dem 4. Jahrhundert. Beide sind mit Klöstern übersät und berühmte Wallfahrtsorte. Der Kaiser von 955-960 ließ die bronzenen buddhistischen Götzenbilder einschmelzen und daraus Münzen prägen. Über 30,000 Tempel wurden eingezogen, auch allen Mönchen Selbstverstümmelung und Selbstpeinigung verboten. 965 brachte ein Mönch 40 Bände buddhistischer Bücher, die auf Palmblätter geschrieben waren. Von 1055–1101 herrschte bei den Liao (Nordreich) ein eifriger Beförderer des Buddhismus, der große Summen dafür ausgab. Unter den Mongolenkaisern wurde der Buddhismus besonders begünstigt. Es gab zu dieser Zeit 42,318 Tempel und Klöster und 213,148 Mönche innerhalb der Grenzen des Reichs. Die Zahl der Abschnitte (kuen) der heiligen Bücher wurde von 4271 auf 4661 erhöht. Ein Priester wurde 1260 zum Oberhaupt aller Lama und kaiserlichen Ratgeber ernannt. Damit wurde der Lamaismus in China eingeführt. Die Übersetzung der buddhistischen Schriften aus dem Tibetanischen


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und Sanskrit ins Mongolische mit Uigurschrift wurde 1294 beendet. Eine weitere Übersetzung geschah 1324. Unter der Regierung von 1308–1311 erging der kaiserliche Befehl, daß jedem, der einen Lama schlage, die Hand abgehauen, wer einen beschimpfe, die Zunge ausgeschnitten werden solle. 1324 hatten die Mönche die Befugnis, Postpferde zu requirieren, welche das Volk liefern mußte und Mundvorrat dazu. Die Mönche führten zur Zeit ein sittenloses Leben und hatten großen Einfluß bei den Prinzessinnen. 1329–1332 wurde der Großlama mit den größten Ehren im Kaiserpalast empfangen, die Höflinge mußten ihm auf den Knieen dienen. Die heiligen Schriften wurden 1290 mit goldenen Lettern geschrieben, wozu 3200 Unzen Gold verwendet wurden. Eine neue Ausgabe von 1317 enthielt 3900 Unzen Gold in den Schriftzeichen. Um diese Zeit wurden auch reiche Geschenke an die Klöster gemacht. Im Jahre 1330 schickte der Kaiser 2000 Unzen Gold zu Abschriften der heiligen Schriften. 1332 wurden auf kaiserlichen Befehl umfangreiche buddhistische Werke in uigurischer Schrift mit Gold geschrieben. 1403 wurden 1800 Mönche, die vor dem 40. Jahre eingetreten waren, aus den Klöstern genommen. Fünf eherne Glocken, jede 120,000 Pfund schwer, wanderten in die Münze. 1450 wurde verboten, daß mehr als 60 Acer Land (6000
Fuß) einem Tempel zugehörten. Die beiden Kaiser von 1465–1487 und 1488–1505 waren eifrige Anhänger des Buddhismus. Auch der von 1522–1566, welcher zugleich dem Taoismus anhing und den Konfuzius degradierte. Die Zahl der Mönche belief sich auf 530,000.
    Schun tschi, der erste Kaiser der Mandschu-Dynastie, schor sich das Haupt nach dem Tode seiner Lieblingsfrau 1661. Der Oberlama von Tibet hatte den Kaiser schon 1653 besucht, der ihm den Titel Dalai-Lama d. i. Ocean-Lama gab, weil seine Einsicht tief und unergründlich sei wie der Ocean. Wann der regierende Kaiser von China den Titel „Buddha der Gegenwart" annahm, ist mir nicht bekannt. Dadurch erhält der Kaiser die Obergewalt über den Dalai-Lama, nicht nur im Leben, sondern auch nach dessen Tode, da er ihm die Neugeburt in einem Kinde zu verbieten vermag, was man gedruckt lesen kann in der Peking Gazette 1877. Die 16 Moralsätze des Kanghi, sowie die Erläuterungen durch seinen Nachfolger und andere sprechen sich scharf gegen den Buddhismus aus und warnen das Volk allen Ernstes vor der Teilnahme davor. Trotzdem begünstigte auch Kienlung den Buddhismus in freigebiger Weise. Man findet seine Büste in vielen Buddhistentempeln, wo ihr Weihrauch geopfert wird, wie den andern Götzen und Schülern Buddhas. Buddhistenpriester werden zusammen mit Taoisten sogar bei manchen staatlichen religiösen Feiern verwendet. — Durch die Taiping-Rebellion wurden Tausende von Klöstern und Tempeln zerstört und wahrscheinlich viele Mönche dem Tode überliefert. Man findet


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noch an manchen Orten die Steintrümmer, aber anderwärts find die Stätten schöner wieder aufgebaut, auch durch andere derartige Anstalten vermehrt. Leider giebt es darunter nur sehr wenige, wo die Insassen geistig regsam sind. Das Herplappern der Litaneien stumpft die Leute ab. Ein großer Prozentsatz ist dazu dem Opium ergeben. Auch ihre sonstige Moral steht nicht in gutem Rufe. Aufs Volk wirken sie besonders als Litanisten bei Leichenfeierlichkeiten und durch Indienststellung der Hölle, woraus sie Verstorbene zu erretten vorgeben. Die heiligen Schriften der Buddhisten sind fürs Volk viel zu schwer verständlich, nur einzelne Gelehrte vermögen den Sinn nach längerem Studium zu entziffern. Die populäre Litteratur betont besonders verdienstliche Werke, wodurch begangene Schuld ausgetilgt wird. Man hat Skalen aufgestellt, worin für jede Handlung der Betrag des Verdienstes oder der Schuld in Zahlen angegeben ist. Es kann danach jedermann seine Ewigkeitsrechnung selber führen. Findet er heraus, daß er Schuld auf sich hat, so sucht er unter den guten Handlungen diejenigen aus, welche mit geringster Mühe die höchsten Treffer bringen. Ja es wird niemand schwer fallen, nach diesen Schablonen die Vorsteher der Vergeltung zu seinen Schuldnern zu machen. Daß es der Tod edlen sittlichen Strebens ist, alles Gute zur Geschäftssache zu machen, bedarf keines Beweises. Die Pole des buddhistisch-religiösen Lebens sind Furcht vor Strafe resp. den Folgen böser Handlungen und selbstgerechter Dünkel, wenn man seine Skala günstig glaubt. Da ist kein Raum für Liebe weder gegen Gott noch für die Menschen. Es hat ohne Zweifel der Buddhismus auf die Völker seines Bekenntnisses sittenmildernd gewirkt, aber der Einfluß wird von Stubengelehrten weit überschätzt. Die Mongolen unter Timur, und bis heute, sind keine solchen sanften Lämmer, die Lama in Tibet und Peking nach allen Berichten ebenfalls nicht. In Chicago hörte ich einen berühmten japanischen Buddhisten, der tiefer Glut des Fremdenhasses öffentlichen Ausdruck verlieh. Die Sitten des chinesischen Kaiserhofes hat der Buddhismus trotz aller erfahrenen Gunst nicht veredeln können. Es floß wie immer das Blut der Ermordeten, Hingerichteten, der im Kriege Erschlagenen, es starben die Zehntausende an Hunger, Seuchen, Überschwemmungen u. dgl., was durch weise Maßnahmen hätte verhindert werden können.
    Ferner ist ein großer Teil des Einflusses, welcher vom Buddhismus ausging, dem zuzuschreiben, daß die buddhistischen Glaubensboten zugleich Träger der indischen Kultur waren. Die sogenannte buddhistische Architektur, die Malerei und Skulptur, selbst viel Gedankeninhalt der buddhistischen heiligen Schriften sind alle indischen Ursprungs, haben nur buddhistische Färbung angenommen. Leider wird diese wichtige Thatsache in den Urteilen über den Einfluß des Buddhismus nicht beachtet, darum der buddhistischen


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Religion zugeschrieben, was mit Recht der indischen Kultur angehört. Das Gleiche gilt vom Muhammedanismus als Religion und Träger der arabischen Kultur. Man kann etwa sagen, daß der chinesische Buddhismus bestehe aus 5 Teilen Chinesentum, nämlich 3 Teilen taoistisches und 2 Teilen konfuzisches; aus 3 Teilen indischer Kultur und etwa 2 Teilen eigentlichem Buddhismus. Der chinesische Buddhismus ist gegenwärtig in einem recht jämmerlichen Zustande, durchaus nicht geeignet, frische Lebenskraft den Millionen Chinas einzuhauchen. Er hat das Gute geleistet, die Gedanken an ein künftiges Leben und Vergeltung in demselben wach zu halten, aber Fröhlichkeit des Glaubens und beseligende Liebe kennt der Buddhismus nicht.


XVII. Dunkle Nacht der Gegenwart.


Es ist gar manches anders geworden im Laufe der Zeit, als es im goldenen Zeitalter des Altertums war! Daß jene goldene Zeit auch nur eine Fiktion ist, das begreift kein chinesischer Gelehrter. Der Gedanke entspricht eben dem konfuzianischen Staatsideal resp. Idealstaat. Die wirklichen Zustände wichen stets mehr oder minder bedeutend davon ab. Ein Zusammenhang zwischen dem Jetzt und der Vorzeit ist aber noch immer vorhanden, in China sogar sehr bemerkbar, wie sonst nirgends in der Welt. Es sei hier nur auf einige Thatsachen hingewiesen. Eine genaue Beschreibung und Erörterung jeder Sitte würde mehrere Bände füllen.
    Der Kaiser ist als solcher noch immer Oberpriester wie im ältesten Altertum. Er hat jährlich mindestens 43 verschiedene Opfer darzubringen, welche in drei Rangklassen geteilt sind. Zur ersten gehören drei verschiedene Opfer dem Himmel resp. Höchsten Gott, eins der Erde, eins den Ahnentafeln sämtlicher verstorbenen Kaiser der Dynastie, eins dem Feld- und Fruchtgott (Schutzgott der Dynastie). Vor jedem dieser sechs Opfer hat der Kaiser drei Tage zu fasten und abgesondert zu wohnen. Zum zweiten Grad gehören 9 Opfer, nämlich für Sonne, Mond, die Namen der früheren Kaiser (von Fuhhi an 190), dem Konfuzius, Agrikulturgott, Seidengott, den Himmelsgöttern, Erdgöttern und dem Jahresgott. Für jedes dieser Opfer sind zwei Fasttage vorgeschrieben. Zum dritten Grad gehören 28 Opfer, nämlich für die Wolken-, Wind-, Regen-, Donner-, Berg-, See, Fluß-, Weg-, Thor-, Fahnen-, Kanonen-, Sternen- u. s. w. Götter. Für diese ist nur je ein Fasttag vorgeschrieben. Immerhin hat damit der Kaiser 64 Fasttage im Jahr. Dazu kommen noch etliche bei außerordentlichen Veranlassungen. Wie der Kaiser in seiner Hauptstadt, so hat jeder Mandarin in seiner Residenz jährlich bestimmten Opfern beizuwohnen und dabei Ceremonien zu verrichten, z. B. zweimal jährlich im Tempel des Konfuzius, im Tempel des Kriegsgottes, der Litteraturgottheit, der Himmelskönigin, des Jaspisgottes, des Drachengottes, Flußgottes u. s. w., der


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Stadtgott, Getreidegott, Distriktsgott und die Lokalgottheiten überhaupt werden nicht von Mandarinen angebetet, welche im Rang über denselben stehen. Es richtet sich alles nach den Titeln, welche vom Kaiser verliehen sind.
    Vom Volk werden fast ausnahmslos angebetet die Götter des Reichtums. Deren kleine Schreine sieht man in jedem Laden und oft auch vor der Hausthüre. Der Küchengott fehlt in keinem Haushalt. Besonders ist aber der Ahnenkultus allgemein verbreitet. Die Ahnen werden als die eigentlichen Schutzgeister des Hauses und des Stammes betrachtet. Es finden Ceremonien für sie statt im Hause, in der Ahnenhalle und am Grabe. Man hat einen reichhaltigen Festkalender, wohl an 50 größere und kleinere Götzenfeste werden jährlich gefeiert, manche mit Schaugepränge und Prozessionen verbunden, auch mit Theatervorstellungen. Besonders dadurch übt der Götzendienst eine solche Zaubermacht auf die Menge aus, daß er ihr bietet, woran sie sich ergötzen kann. Es sind das auch die einzigen Gelegenheiten, wo sich Frauen, verheiratete sowohl als junge Mädchen, in der Öffentlichkeit zeigen können. Dieses geschieht trotz mancher Verbote von seiten der Regierung. Sonstige öffentliche Belustigungen des Volkes giebt es nicht, außer am Neujahrsfest, das aber auch religiösen Anstrich hat. Auch die Drachenboote und das Laternenfest sind götzendienerisch. Papierdrachen und Federballschlagen sind Vergnügungen für Knaben und Jünglinge. Gesellige Schmausereien sind unter den Männern beliebt, auch Zusammenkünfte in Theehäusern bei Thee oder Fusel. Die Trunksucht ist gar nicht so selten, tritt aber nicht in die Öffentlichkeit.
    Der Genuß des Opiums stammt nicht aus dem Altertum, läßt sich auch nicht aus den Klassikern rechtfertigen (Tabakrauchen auch nicht), nimmt aber doch jährlich zu. Die Einfuhr wird allerdings geringer wegen des hohen Zolls, der Anbau im Innern hat sich jedoch seit einem Jahrzehnt vervielfacht. Etliche Nordprovinzen treiben bereits Opiumausfuhr in andere Provinzen, ebenso Szechuan im Westen. Mittel- und Südprovinzen gehen ebenfalls mit dem Anbau voran. Der Konsum nimmt in den Gegenden der Produktion so zu, daß selbst Frauen und Kinder daran teilnehmen. Die Folgen werden sich bald zeigen. Es wird weder der Wohlstand des Landes, noch die physische Kraft, noch die sittliche und geistige Entwicklung der Bewohner durch Opium gefördert. Japan war weise genug, dieses Übel von seinen Grenzen fern zu halten. Was aber Japan vermochte, wäre für China auch möglich gewesen bei ernstem Willen. Es trifft daher die Schuld hauptsächlich China selber. Damit will ich die englische Opiumpolitik nicht rechtfertigen, wie überhaupt keine Handelspolitik, welche nur Geld, aber nicht höhere, humane Interessen anerkennt. Es rächt sich solche Politik gewöhnlich in kurzer Zeit. Ein schneller Gewinn, der die Verarmung eines Volkes verursacht, schädigt den Handel. Eine gesunde


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Handelspolitik sollte darauf achten, daß durch den Verkehr die Produktionskraft des Volks erhöht würde, denn nur dadurch ist fortgehender Aufschwung des Handels erreichbar.
    Schlimmer noch als Opium und andere Laster wirkt aber gegenwärtig in China die veraltete Erziehungsmethode. Was gut war vor 1000 und mehr Jahren, als die Nachbarstaaten alle in barbarischen Zuständen lebten oder ihre Kultur von China entlehnt hatten, was gut war, als China etwa ein Zehntel der jetzigen Bevölkerung in seinen Grenzen zu ernähren hatte – das taugt jetzt nicht mehr unter den ganz anderen Verhältnissen. Der Chinese lernt nur das Lesen, Schreiben und Litterarisches, besonders Phraseologie. Darin besteht die ganze Schulweisheit. Nichts von Realien oder was man etwa so nennen könnte, veraltetes Zeug, das mehr schadet als nützt. Die Schwierigkeit der chinesischen Schrift ist schon (XII.) hervorgehoben. Ein großer Prozentsatz der chinesischen Bevölkerung, besonders der Frauen, lernt überhaupt nicht lesen. Viele lernen nur soviel, als für ihr Geschäft nötig ist, können aber kein Buch verstehen. Die Begabteren unter den Geschäftsleuten bringen es aber so weit, leichte Lektüre, vielleicht auch eine Zeitung mit einigem Verständnis lesen zu können. Die eigentlichen Gelehrten arbeiten nur für die Examia (Sic! Examia, K. J.). Sie müssen etliche der Klassiker ganz auswendig wissen, die autorisierte Erklärung dazu ebenfalls, sonst hauptsächlich die Technik der Aufsätze und poetischen Stücke. Chinesische Geschichte wird aus Kompendien gelernt, ebenso allgemeine chinesische Litteratur. Es ist ein ungeheurer Memorierstoff, den der chinesische Gelehrte zu bewältigen hat. Das ist seine Stärke. Aber der Stoff ist nicht gesichtet und darum beschwerend, wird nicht geistig durchdrungen und beherrscht, ist darum auch nicht förderlich fürs Leben. Vieles, das mit vieler Mühe gelernt wird, hat gar keinen Wert, sollte also von Anfang an ausgeschieden werden. Anderes ließe sich kürzen und dadurch seine Aneignung und Gebrauch erleichtern. Ferner ist vieles falsch, das sollte durch Wahres ersetzt werden, anderes ist ungenau, das der Berichtigung bedarf, oder ungenügend, wo Ergänzung nötig wäre. Aus den alten Werken saugt der Chinese seine Selbstüberhebung und Verachtung aller Ausländer als Barbaren. Seine Vertrautheit mit der alten Litteratur macht es ihm unmöglich, Fremdes unbefangen zu prüfen und sich über Vortreffliches zu freuen. Auch wird sich immer mehr zu erkennen geben, daß die chinesische Schrift, sowie sie jetzt ist, die Hauptbarriere bildet gegen wissenschaftliche Durchbildung der chinesischen Jugend. Diese Schrift ist ganz gut, wenn der Mensch sonst wenig oder nichts zu lernen nötig hat. Wenn aber alles im Leben von realer Durchbildung abhängig ist, so kann die Schrift nicht Selbstzweck bleiben, sondern muß jenem Hauptinteresse sich unterordnen. Die einfachste Schreibweise ist die beste.


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Der Aberglaube aller Art, Geomantie, Astrologie, Wahrsagerei, Zauberei, Gespensterfurcht, Tagewählerei, Omina, Amulette, magische Symbole u. dergl. beruht ebenfalls auf ungenügender Realbildung. Es ist erstaunlich, was für dummes Zeug das chinesische Volk glaubt, und wie es über den ärgsten Unsinn in Aufruhr geraten kann. Viel geplagt sind aber die Chinesen besonders durch ihren Ahnenkultus. Man kann sagen, daß sie lebenslang Knechte deshalb sind. Wir müssen davon wohl unterscheiden die kindliche Ehrerbietung den lebenden Eltern gegenüber. Diese kann nicht genug eingeschärft werden. Über die Verstorbenen dagegen kann nur die christliche Religion Trost und Licht geben. Bei dem Herrn sein, verklärt und in Gemeinschaft aller Seligen, in vollem Genusse der himmlischen Güter und frei von jeglichem Erdenweh das ist erquickende Hoffnung. Ihre Begründung hat dieselbe in der völligen Offenbarung Gottes als Liebe. Das persönliche Wesen des Menschen hat seinen Ursprung aus der Liebe Gottes und diese verbürgt eine herrliche Vollendung des persönlichen Daseins in Ewigkeit, wie Gottes Liebe ewig ist.
    Die populäre Religion der Chinesen kennt nur Mangel in der andern Welt, diesem Mangel muß von den lebenden Nachkommen abgeholfen werden. Darauf gründen sich alle Thatsachen des allgemein geübten Ahnenkults. Es steht dies im Gegensatz zu der buddhistischen Doktrin des Karma und der Metempsychose. Das ist ein weiterer Beweis, daß das chinesische Volk nicht buddhistisch ist. Aber allerdings benutzt man teilweise buddhistische Ceremonien, um den Verstorbenen aus der Hölle zu helfen. Der eigentliche Ahnenkultus hat keine Hölle ewiger Pein, das Fortleben im Jenseits steht unter denselben Bedingungen wie auf Erden. Es giebt auch drüben Mandarine mit ihren Gerichtshöfen, Gefängnissen, Peinigungen und Exekutionen. Da sind denn auch Bestechungen nötig wie auf Erden.
    Das Heidentum ist trostlose Nacht, troß der vereinzelten Lichtstrahlen, die hie und da hindurchblitzen.


XVIII. Sterne der Hoffnung.


China liegt am Boden. Die Mandschu sind verweichlicht, die Mandarine verrottet, die Gelehrten versteinert, die Soldaten feige, das Volk unwissend, der Pöbel versumpft und frech. Was ist da zu machen? Man muß reformieren! Das ist leicht gesagt, geht aber sehr langsam, weil nicht ohne Widerstand im Leben. Es sollen nur etliche Gedanken Erwähnung finden, welche durch dreißigjährige Bekanntschaft mit den Thatsachen des chinesischen Lebens im Verfasser angeregt wurden. Der Übersicht wegen sind sie in wenige Sätze zusammengefaßt.
    I. Nutzbarmachung 1. aller Naturmittel, 2. aller Arbeitskräfte. II. Abstellung 1. der Ausschweifung im Kaiserpalast und bei den Vor


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nehmen, 2. der Verschwendung durch Götzendienst etc., 3. der Notstände im Volk, 4. der Laster, Opium, Spiel etc. III. Vorbeugung 1. durch Erziehung, 2. Sanitätseinrichtungen, 3. Kommunikationsmittel, 4. Militärschutz. IV. Förderung des Wohlbefindens aller: 1. Rechtspflege, 2. Steuern und Zölle für die Bedürfnisse des Staats, 3. Sitten und Gebräuche ein- fach, 4. Heirat und Kindererziehung, 5. Freie Religion, aber ohne gemeinschädliche Ausartung, 6. Regulierung des Armen-, Kranken- und Versicherungswesens.
    Zu I. China trieb Ackerbau, Viehzucht, Bergbau und Industrie schon in vorhistorischer Zeit. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß China auch darin in allen Stücken hinter den Westländern zurückgeblieben ist. Es ließen sich leicht alle Produkte vervielfältigen. Die Schätze unter der Erde sind ja noch kaum berührt. Das würde Gelegenheit geben, viele unbenutzte oder in verkehrter Weise verbrauchte Arbeitskräfte produktiv zu machen. Es ist auffällig, daß dieser wichtige Gedanke im Staatsleben, auch der Westländer, noch so wenig verwertet wird. Arbeitskräfte sind viel wichtiger als Gold. Dennoch erlaubt man einem bedeutenden Prozentsatz brach zu liegen, allen, die keine bestimmte Berufsthätigkeit haben, den Faullenzern (Sic! 2 mal l = Ell, K. J.) reich und arm. Natürlich ist unter Arbeit nicht nur Handarbeit verstanden, sondern auch Geistesarbeit, wissenschaftliche Bestrebungen, Wohlthätigkeit u. dgl., überhaupt jede Beschäftigung zum eigenen Wohl und zum Besten anderer. Bettel ist Mißbrauch der Arbeitskraft, noch mehr natürlich Diebstahl, Schmuggel u. dgl. Leider werden, besonders in China, viele Arbeitskräfte auf Irrbahnen gedrängt, da die Gelegenheit und Anleitung zu produktiver Arbeit fehlt. Dafür sollte der Staat durch ein Arbeitsministerium sorgen mit einer ausreichenden Zahl von Unterbeamten, deren Pflicht es wäre, jedem Arbeitsfähigen auch entsprechende Beschäftigung zu verschaffen. Es wirkt demoralisierend, wenn kräftige Leute nach Arbeit suchen und lange Zeit nicht finden können. Es ist das sehr oft nicht sowohl Schuld der einzelnen, als der Staatsverwaltung. Weitere Schwierigkeiten werden erzeugt durch die schon weit vorgeschrittene Organisation der Arbeit in den großen Fabriken der Westländer, auch im Großbetrieb des Ackerbaus, der Viehzucht etc. Jemehr der Großbetrieb den Kleinerwerb verschlingt, desto einfacher werden wieder die Verhältnisse nach manchen Seiten. Es kommt zu einheitlicher Leitung der Hauptindustrien, nicht mehr nur in Stadtzünften, sondern in Vereinigung derselben Zweige in ganzen Staaten. Jetzt schon spricht man von englischer Kohle und japanischer etc., von deutschem Eisen und englischem, von amerikanischen Maschinen, englischen und deutschen, von chinesischem Thee und indischem. Es ist der Weltmarkt zu berücksichtigen, d. h. der Verkehr aller Staaten untereinander. Da hilft keine Gefühlspolitik, sondern nur gründliches Verständnis der bestehenden Verhältnisse in allen Ländern der Erde.


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Wenn aber auch nach diesen zwei Seiten, der Heranziehung aller Naturmittel und Verwendung aller Arbeitskräfte das Mögliche in befriedigender Weise geschähe, so könnte doch China nicht zur Blüte kommen ohne gründliche Behandlung der vier Punkte von II. Was für Unheil der kaiserliche Harem und die damit verbundenen Eunuchen schon gestiftet haben, ist aus der historischen Skizze VII–IX ersichtlich. Monogamie muß strenge (Sic! strenge, K. J.) durchgeführt werden. Es ist eine Schmach für die Westmächte und deren Kultur, daß solche Zustände, wie sie in China und ähnlich in der Türkei herrschen, überhaupt geduldet werden. Man mache Ernst mit den moralischen Voraussetzungen gesunder staatlicher Verhältnisse. Auch die Korruption der Mandarine beruht zum Teil auf der Vielweiberei. Die notwendigen Kosten zahlreicher Familien- und Frauen-Anhängsel nötigen den Beamten, Erpressungen zu üben, um sein Haus zu versorgen, womöglich auch gegen eine ungewisse Zukunft. 2. Die Verschwendung an Material, welches jährlich für die Götzen verwüstet wird, ist ungeheuerlich, die Speiseopfer ungerechnet, welche nach der Ausstellung vor den Götzen oder den Ahnen von den Darbringern verzehrt werden. Was aber verbrannt wird an Kerzen, Räucherwerk, Papiersachen (Nachahmungen von Geld, Geräten, Häusern, Tieren etc.) und Seidenstoffen, ist im jährlichen Betrag viele Millionen Dollars. Berechnet man dazu, wie viele Menschen dadurch von nützlicher Arbeit abgehalten werden, dann die Kosten der Tempel, welche gar keinem andern Zwecke dienen, so wird man Milliarden rechnen dürfen. Ich betrachte Geld durchaus nicht als ein höchstes Gut für die Menschheit, sondern nur als Mittel, den höchsten Zwecken zu dienen. Das aber ist eben der Fluch des Götzendienstes, daß den höheren und höchsten Interessen der Menschen dadurch geschadet wird. Mit Götzendienst ist überall religiöse und sittliche Erniedrigung verbunden. Allgemeiner Götzendienst ist aber auch der wirtschaftliche Ruin eines Landes. Dasselbe gilt von den in China noch bedeutenderen Ausgaben für den Ahnenkultus. Außer dem, was verbrannt wird, kommt da noch in Betracht, was alles in den Sarg und ins Grab beizulegen Sitte ist, ferner die Gräber, welche nicht auf Friedhöfe beschränkt sind, sondern überall vorkommen, auch in den besten Feldern und Gärten, dann sind da eine Anzahl Mausoleen, wovon eins wohl mehrere Millionen Dollars kostet. Die Ahnenhallen wollen wir nicht rechnen, da sie auch als Schulen und Versammlungsorte (der Dorfgemeinde) dienen.
    Unter 3. ist alles einbegriffen, was das Volk bedrängt, ohne daß der einzelne helfen kann. Teuerung und Hungersnot kommen fast jährlich vor in irgend einem Teile Chinas, Überschwemmungen ebenfalls. Von Krankheiten treten epidemisch auf die Pocken, Cholera und Pest. Kleinere und größere Aufstände, Räuber und Piraten giebt es auch jährlich irgendwo im Lande und auf der See, manchmal an mehreren Orten zugleich. Wilde


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Tiere sind nicht häufig, aber Tiger, Leoparden, Bären, Wölfe und auch Giftschlangen machen sich in einzelnen Gegenden manchmal bemerklich.
    Zu 4. Über das Opium ist oben (XVII) schon geredet worden. Daran kann kein Zweifel sein, daß Opium als Genußmittel kein Segen für China ist. Abgesehen von dem schädlichen Einfluß auf Körper und Geist, ist schon der Zeitverlust beim Rauchen ein bedeutender. Der Geldschaden ist unberechenbar, weil das importierte Quantum, wofür circa 70 Millionen Dollars ins Ausland gehen, gering ist im Vergleich zum Verbrauch von einheimischem Produkt, was vielleicht schon zehnmal mehr beträgt. Wenn dafür auch nicht Geld ins Ausland geht, so wird doch der Boden und die Arbeit anderer Kultur entzogen. Sonstige Genußmittel wie Tabak, Branntwein und Thee werden auch nicht weniger konsumiert. Die Spielsucht ist ein nationales Übel und wird sich nur dann beseitigen lassen, wenn für bessere Unterhaltung resp. Erholung gesorgt wird. Nicht nur, daß die Spieler viel kostbare Zeit vergeuden, sie kommen so unter die Gewalt dieser Leidenschaft, daß sie für anstrengende Arbeit die Neigung und Fähigkeit verlieren, dann auch alle Habe, Weib und Kind aufs Spiel setzen und, ist alles verloren, nur zwischen Selbstmord oder einer Verbrecherlaufbahn die Wahl haben. Der Schaden, pekuniär und moralisch, ist schwer zu berechnen. Es sind noch andere schwerwiegende Mißstände vorhanden, welche aber hier nicht besprochen werden können.
   Daß es nicht genug ist, Übel zu beseitigen, sondern dafür gesorgt werden muß, daß dieselben nicht wiederkehren, ist alte Erfahrungsweisheit. Dies führt uns zu
   III, den Vorbeugungsmaßregeln. Obenan steht 1. die Erziehung. Man vergleiche darüber das im vorigen Kapitel Gesagte. Was eine gute Erziehung für den Geist, sind 2. entsprechende Sanitätseinrichtungen für den Körper. China steht darin nicht besser als irgend ein Barbaren- reich des dunkeln Kontinents. Man findet nirgends Vorsorge für frische Luft, klares Wasser, Reinlichkeit in den Straßen und Häusern, nicht einmal der Kleider und Haut der Menschen und Tiere. 3. Um eine dichte Bevölkerung möglich zu machen und dabei die übermäßige Anhäufung an begünstigten Stellen zu verringern, sind gute Verkehrsstraßen und Verkehrs- mittel nötig. Es wird dann auch das Wohnen im Innern ermöglicht, wenn andere Umstände es wünschenswert machen. Auch Teuerung und Hungersnot läßt sich schnell beseitigen, Handel und Verkehr wird erleichtert und die Sicherheit von Person und Eigentum größer. 4. Daß auch ausreichende Militärmacht, gut ausgerüstet und geübt, vorhanden sein muß, nicht nur zum Schutz gegen das Ausland, sondern auch gegen innere Unruhen und einzelne Ausschreitungen, liegt nun einmal in der Natur des Zusammenlebens großer Menschen-Massen. Der Staat muß Sicherheit


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gewähren der Person und dem Eigentum jedes seiner Angehörigen, nicht nur innerhalb der Staatsgrenzen, sondern auch außerhalb, womöglich auf dem ganzen Erdball. Dagegen muß auch jeder Verbrecher gewiß sein, daß er nicht ungestraft gegen die Gesetze sich vergehen kann. Nur darin liegt die Bürgschaft für Frieden und Wohlstand im bürgerlichen Leben.
    Zu IV. 1. Das Wohlbefinden aller erfordert aber auch weiter eine wohlwollende und den Rechtssinn befriedigende Verwaltung der Justiz. Nicht nur, daß Bosheit und Willkür in Schranken gehalten werden müssen, es tauchen fast täglich Schwierigkeiten auf im modernen vielfältigen Verkehrsleben, welche friedlich geregelt werden müssen oder allmählich zu Krisen führen würden. Daß 2. Steuern und Zölle, überhaupt alle Abgaben, für das öffentliche Wohl bestimmt sein müssen und nicht dazu dienen dürfen, Beamte zu bereichern, ist eine Elementarwahrheit, aber in China wohl kaum in einer Generation zu erreichen. Das ganze Finanzwesen liegt fast hoffnungslos im Argen. 3. Manche Sitten und Gebräuche, wie bei Hochzeiten, Begräbnissen, Neubauten, Neujahrsfeier u. dgl. sind mit kostspieligen und zeitraubenden Ceremonien verbunden, denen der einzelne sich nicht ohne Gefahr entziehen kann. Gegen die Tyrannei ausgearteter Volkssitten kann nur eine weise Staatsregierung mit Erfolg, wenn auch in möglichst schonender Weise vorgehen. Daß 4. Verheiratung in reifem Alter ermöglicht wird, sollte eine Bestrebung humaner Staatskunst sein. Es ist nicht erreichbar, daß ein bestimmtes Einkommen, ausreichend zur Erhaltung einer Familie, für jedermann die Bedingung werde. Mit den Armenschulen könnte sehr wohl einfache Verköstigung verbunden werden. Damit würde sich der Staat Tausende kräftiger Leute heranziehen und das aufgewendete Geld noch dazu an Gefängnissen und Krankenhäusern ganz oder teilweise ersparen. 5. Religiöses Leben gedeiht in der Freiheit am besten und ist für den einzelnen wie für den Staat am heilsamsten. Der Staat soll durchaus nicht religionslos sein, aber niemand eine bestimmte Form aufnötigen. Allerdings hat sich der Staat gegen Auswüchse zu verwahren, dahin gehören Götzendienst, Mönchswesen, Prozessionen in den Straßen etc. Dagegen sollte keine Religion gehindert sein, auf Propaganda abzielende Vorträge in dazu geeigneten Räumen zu halten. Religiöse Kritik und Polemik muß ebenfalls frei sein, nur nicht frivoler Art, welche das Heilige verspottet und den religiösen Sinn verlegt und schädigt. 6. Eine möglichst allgemeine Übung des Wohlthätigkeitssinns ist natürlich wünschenswert und sollte ermutigt werden. Aber da viel mehr bleibender Segen gestiftet wird unter einsichtsvoller Leitung, so ist dafür durch geeignete Organe zu sorgen, ohne die Freiheit der Bewegung zu lähmen. Linderung ist verschieden von Heilung, sowohl in der Armen- als in der Krankenpflege. Die Ursachen zu beseitigen, ist oft nicht in der Macht einzelner, selbst Gesellschaften sind

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nicht immer dazu imstande, der Staat sollte hilfreiche Hand bieten, wo es erforderlich ist. Dasselbe gilt von Sparkassen und Versicherungswesen. Doch es möge genug sein mit diesen Andeutungen. Wohl sind es nur elementare Gedanken. Leider fehlt es China eben gerade an den gesunden elementaren Grundlagen für eine frische Entwicklung und bessere Zukunft. Als Freund dieses Landes und seiner 400 Millionen bedürftiger Einwohner darf man es sich nicht verdrießen lassen, auf das, was Not thut, hinzuweisen. Alle solche Reformen gleichen aber nur den Sternen der Nacht, sie sind tröstlich, freundlich, geben aber nur schwaches Licht und keine Wärme zum Leben.


XIX. Morgendämmerung.


Die Morgendämmerung verkündet den anbrechenden Tag. Ihr Licht ist von der Sonne, doch nur die vorauseilenden Strahlen derselben, nicht der Sonnenkörper selber. Dieses gilt von der Kultur des Westens, welche nach China vordringt. Sie ist durchdrungen vom christlichen Geist, auch wenn manche Träger dieser Kultur es nicht anerkennen wollen, ja das Christentum verleugnen. Das Christentum war dennoch und ist noch die innerlich treibende Kraft in den christlichen Ländern. Es ist auch Thatsache, daß nur Christenländer auf der Höhe der Kultur stehen, und weiter ist es Thatsache, daß alle Länder der Erde immer mehr unter die Herrschaft von christlichen Staaten kommen. In Asien sind es nun drei christliche Mächte, welche vorwärtsdringen, Rußland, das schon den größten Teil beherrscht, England, das den besten Teil regiert, und Frankreich, das einen verhältnismäßig kleinen und schwierigen Teil unter seine Obhut genommen hat. Wenn auch keiner dieser Staaten die Verbreitung des Christentums sich als Staatsaufgabe gesetzt hat, so ermöglicht doch jeder die Mission, obschon jeder in andrer Weise, Rußland und Frankreich leider bis jetzt nur in exklusiv sektiererischer Beschränkung. Diese drei Mächte haben auch bereits an den Grenzen Chinas gerüttelt und jeder Stücke für sich abgebrochen. Aber es sind auch Strahlen westlicher Kultur ins Innere Chinas gedrungen. Zu oberst steht da der Handel. Portugiesen, Spanier, Holländer, dann die Engländer und übrigen Westmächte versuchten schon seit Ende des 15. Jahrhunderts erst sporadisch, dann bleibend Handelsbeziehungen mit China. Hier soll jedoch nur hervorgehoben werden, in welcher Weise der Handel ein Träger der westlichen Kultur ist. Man wird zugeben müssen, daß dies der Fall schon dadurch ist, daß durch den Handel die Produkte der westlichen Kultur andern Völkern bekannt und zugänglich gemacht werden. Allerdings dienen nicht alle Handelsprodukte zur materiellen Hebung und moralischen Förderung der Chinesen. Manches ausländische Produkt wird jedoch bereits von den Chinesen im eigenen Lande und in immer größern Quantitäten

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produziert. Obenan steht Opium, dann Tabak, Baumwolle, Mais, Kartoffeln, Erbsen, verschiedene Gemüse und Obstarten. Weiter sind es Gegenstände des täglichen Gebrauchs, welche schöner und billiger eingeführt werden, als der Chinese sie herstellen kann. Dahin gehören Baumwollen- und Wollen- Zeuge, Nadeln, Messer u. dgl., Waffen und Kriegsmaterial, auch Maschinen zu allerlei Zwecken, Farben etc. Leider erkennt der Chinese zunächst haupt- sächlich die Macht der Zerstörungswerkzeuge und den Nutzen solcher Maschinen, die schnell Geld einbringen. Bei diesem Trachten nach augenblicklichem Vorteil wird die Bedeutung des einzelnen für das Ganze, des jetzigen Zustandes für die Zukunft nicht beachtet. Ferner werden Habgier und Genußsucht gesteigert. Dadurch wird die Konkurrenz verschärft und in deren Gefolge gehen Lug und Trug. Soll der Handel sich kräftig entwickeln, so muß der erhöhten Einfuhr eine erhöhte Ausfuhr das Gleichgewicht halten. Dieses ist nur möglich, wenn die jetzt gangbaren Artikel eine erhöhte Nachfrage im Westen finden, oder wenn neue Ausfuhrartikel gefunden resp. produziert werden. Für die früheren Artikel kommt auch der Mitbewerb anderer Völker in Betracht, wie z. B. der indische Thee die Ausfuhr des chinesischen vermindert. Der Aufschwung des Imports ist abhängig von der Zahlungsfähigkeit der Chinesen, und diese ist bedingt vom Export. Was darum die Zunahme des Exports stört, hemmt auch die Zunahme des Imports. Eine bedeutendere Zunahme des Exports wäre wohl erreichbar, aber nicht ohne mancherlei innere Verbesserungen. Noch dringender ist, daß die zahllosen Arbeiter, besonders Weiber und Kinder, welche durch die billigen Einfuhrartikel ihren Erwerb verlieren, sich neue Berufszweige schaffen können, sonst fallen sie ihren Landsleuten zur Last und mindern die Kauffähigkeit. Zu dem allen wird eine fortschreitende und zweckmäßige Bildung gebieterische Notwendigkeit. Man kann sagen, daß der Handel einer höher gebildeten Nation ruinierend auf jede halbcivilisierte Rasse wirkt, außer wenn zugleich energisch an deren Erziehung gearbeitet wird, bis das gleiche Niveau annähernd hergestellt ist.
    Des auswärtigen Handels wegen hat China mehrere Hundert Ausländer im Zolldienst. Man muß anerkennen, daß sich manche ausgezeichnete Männer unter dieser Zahl befinden. Die gute Bezahlung ermöglicht eine sorgfältige Auswahl. Die oberen Zollbeamten sprechen gut chinesisch und sind auch mit chinesischer Schrift, dem Geschäftsstyl, vertraut. Sie sind alle daran gewöhnt, die chinesischen Beamten und auch das Volk mit gebührender Achtung zu behandeln. Viele treffliche Einrichtungen sind der tüchtigen Leitung des Zolldienstes zu danken, wie Leuchttürme und andere Merkzeichen, Ordnung in den Häfen, genaue Vermessungen an der Küste und gute Karten, genaue Statistiken über Einfuhr und Ausfuhr, auch Monographien über die Haupthandelsartikel. Die Einnahmen für die chinesische Regierung


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sind in steter Zunahme begriffen. Man sollte also annehmen, daß diese Herren bei den Chinesen in hoher Gunst ständen, aber das Gegenteil ist der Fall, man möchte sich dieser Fremden sobald als möglich erledigen. Viele Chinesen blicken mit Neid auf die hohen Gehälter und das herrliche Leben, das diese Ausländer auf Kosten des chinesischen Reiches führen. Die Leistungen für China als Ganzes berücksichtigt eben der geldgierige Chinese nicht. Ob einer der Herren Zöllner schon einen der Mandarine, mit welchen sie mancherlei Verkehr haben, zu westlichen Kulturgedanken bekehrt hat, ist mir nicht bekannt.
    Außer den Zollbeamten stehen noch eine stets zunehmende Anzahl von Technikern und Instruktoren im Dienste chinesischer Mandarine resp. der chinesischen Regierung. Solche sind in den Bergwerken, Eisenhütten, Spinnereien, Seidenfiliaturen, Arsenalen, Pulvermühlen, Schiffswerften, Seemanns-, Militär- und Sprach-Schulen. Deren Schüler zählen nach Hunderten ja Tausenden. Man sollte also meinen, es müßte von da aus viel Licht verbreitet werden. Wirkungslos kann dieser Umgang auch nicht sein, ist aber doch zunächst nur auf einen engen Kreis beschränkt. Die volle Tragweite kann sich erst in etlichen Generationen zeigen, wenn diese Zöglinge ins Greisenalter vorgerückt sind, und andere, noch tüchtiger, im rüstigen Mannesalter stehen. Die Zahl ist auch noch zu klein im Verhältnis zu den in altchinesischer Weisheit Vernagelten, etwa wie 1 : 1000 und mehr.
    Die Konsulatsbeamten der Westländer bilden auch eine ansehnliche Macht. Alle größeren Staaten haben Berufskonsuln in den Hauptplätzen. Das sind natürlich gründlich gebildete und in jeder Beziehung Achtung gebietende Männer. Sie gelten dem höchsten chinesischen Beamten des Orts als im Range gleichstehend. Manche unter ihnen sprechen chinesisch, einige sind auch tüchtige Gelehrte. Sie haben geschäftlich und auch gesellschaftlich mit den höchsten chinesischen Beamten mancherlei persönliche Berührung. Dieses geht schon seit etlichen Jahrzehnten in höflicher Weise seinen Gang. Manche Streitsache zwischen Chinesen und Fremden ist auf diese Weise befriedigend erledigt worden. Aber eine Annäherung der Chinesen an die Ausländer, irgend welche vertrautere Beziehungen sind nicht erreicht worden. Die Herren Chinesen sind, wie man hört, fast ohne Ausnahme ebenso erfreut über den Schluß einer Zusammenkunft wie die Herren Konsuln.
    Am meisten Erwartung sollte man hegen von den Exzellenzen, den Herren Ministern und Gesandten in Peking. Dieselben stammen aus den höchsten Kreisen ihrer betreffenden Länder, sind ausgerüstet mit hervorragender Begabung und Bildung, sind umgeben mit dem Glanz ihres hohen Amts, sie haben tüchtige Gelehrte als Sekretäre, bedeutende Sinologen als Dolmetscher, alle Hilfsmittel der westlichen Kultur stehen zu ihrer Verfügung. „Wenn einen Menschen die Natur erhoben, ist es kein Wunder, daß ihm


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viel gelingt". (Sic! Punkt nach Anführungszeichen, K. J.) Leider bin ich jedoch nicht imstande die großartigen Leistungen dieser hohen Diplomaten hier aufzuzählen, denn dieselben entziehen sich völlig meiner Beurteilung und sogar meiner Kenntnis, da ich noch nicht Gelegenheit fand, der Hauptstadt Chinas einen Besuch abzustatten. Man hört nur wohl flüstern, jeder der hohen Herren halte sich einen Pudel, der auf Deutsch den Namen „Handelspolitik“ trage. Der Abschluß von vorteilhaften Handelskontrakten sei aber des Pudels Kern. Dabei bleibe freie Zeit genug, sich eingehend abzugeben mit dem „Was man in China ißt und trinkt" und der Mission hie und da einen Fußtritt zu versetzen.
    Die chinesischen Gesandtschaften und Konsulate mit ihrem Stab ausgesuchter Gelehrter in verschiedenen Staaten der Westländer tragen natürlich auch dazu bei, die Kenntnis der eigentümlichen Civilisation des Westens unter den Gebildeten Chinas, ja in den höchsten Kreisen eingehender bekannt zu machen. Daß das noch nicht mehr bemerkbar ist, hat wohl seinen Grund in der oft recht mangelhaften sprachlichen Vorbildung dieser Chinesen. Auch ist denselben sehr wohl bewußt, daß sie sich nicht in ausländische Sympathien verlieren dürfen, da dadurch Haß und Widerwärtigkeiten von seiten der maßgebenden Kreise in China auf sie gezogen werden würden. Ihre Aufgabe ist, keine Linie des althergebrachten Chinesentums aufzugeben, sonst aber so freigebig mit Bücklingen und schönen Redensarten zu sein, wie die jedesmalige Gelegenheit es erfordert.
    Mehr Einfluß geht aus von den Tausenden von Arbeitern, welche jährlich vom Ausland, meist nach mehrjähriger Abwesenheit, zurückkommen. Die Hauptemigrationsplätze für Chinesen sind Singapore und die malaiischen Besitzungen der Engländer, Borneo, Sumatra, Java, die Philippinen, Tongkin und Annam, Siam, Birma, Japan, die Hawaiischen Inseln, Vereinigten Staaten, Canada, Peru, Chili, Australien, Neuseeland, Westindische Inseln, Congostaaten und andere Teile Afrikas, Korea und Sibirien ebenfalls. Natürlich sind die Erfahrungen dieser Arbeiter nicht überall gleich, auch durchaus nicht immer erfreulich. Doch aber werden sie mit andern Verhältnissen bekannt und finden gar manches besser als in der Heimat, sie bringen auch gewöhnlich eine Summe Geldes zurück. Wenn sie dann wieder längere Zeit in der Heimat zubringen, so empfinden gar manche die drückende Lage daselbst, und die fremden Lande erscheinen im rosigen Lichte.
    Auch die Zeitungen üben Einfluß aus. Englische, welche auf Hongkong und in Shanghai erscheinen, werden in den Yamens der höheren Mandarine gelesen. Chinesische Zeitungen nehmen von Jahr zu Jahr zu an Zahl und an Abonnenten. Es werden die wichtigsten Nachrichten aus der ganzen Welt dadurch einem großen chinesischen Leserkreis bekannt gemacht. Manches altchinesische Vorurteil wird damit durchbrochen. Die Zirkulation ist aber noch zu sehr auf die Hafenpläge und deren nächste Umgebung be-


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schränkt. Die vielen Millionen des Innern leben noch dahin in ihrer althergebrachten Finsternis.
    Übersetzungen verschiedener wissenschaftlicher Werke hat die chinesische Regierung anfertigen und veröffentlichen lassen, z. B. Werke über Geographie, Geschichte, Schiffsbau, Navigation, Pulverbereitung, Chemie, Bergbau, Physik, Maschinenbau, Botanik, Eisen, Materia Medica etc. Wenn dieselben auch nur für bestimmte Zwecke, Arsenale und Schulen brauchbar sind, so dienen sie doch dazu, von diesen Centren aus etwas Licht über ernstliche Wissenschaft und Industrie zu verbreiten. Aber der Masse chinesischer Gelehrten fehlen die ersten Elementarbegriffe ausländischer Wissenschaft, als daß sie Werke der Art mit Verständnis und Gewinn lesen könnten. Eine große Anzahl Elementarschulen ist erstes Bedürfnis. Immerhin können wir uns freuen über alle solche Lichtstrahlen, welche, wenn auch gebrochen durch die Schichten der irdischen Atmosphäre, doch Vorboten des Hellen Tages sind.


XX. Tagesanbruch.


Christus ist das Licht der Welt und das Licht scheinet in die Finsternis. Die Mission ist so alt als die christliche Kirche. Nach China kamen, soviel wir wissen, zuerst Nestorianer als Glaubensboten, dann Katholiken. Von den Protestanten war im 17. Jahrhundert ein Anfang auf Formosa gemacht worden, doch lokal zu sehr begrenzt und für zu kurze ​Zeit, um tiefe Wurzeln schlagen zu können. Man erwarte hier indes keine Geschichte der protestantischen Mission, nur einige Grundlinien seien gezeichnet zur besseren Beurteilung derselben. Unsere Mission will nichts anderes als den Befehl Christi ausführen: „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker!" Unser Motiv ist also der Befehl Christi, nicht das Elend der Heidenwelt. Elend ist noch viel in allen Landen, so daß jeder Missionar genug Arbeit in seinem Vaterlande finden könnte. Mit dem Elend wird die Christenheit nie fertig, bis zum Ende der Tage. Die ganze Welt, sein Heil ist für alle Menschen. Botschaft ist die Heilspredigt, die Einladung in das Reich Gottes.
    Der Missionar ist aber nicht nur ein Verkündiger in Worten, sondern der Träger des christlichen Lebens. Nicht daß er eine allseitige wissenschaftliche. Erkenntnis davon besitzen sollte oder könnte, aber das Leben selber muß in ihm vorhanden sein in inniger persönlicher Aneignung, gesund und kräftig. Ganz kann sich jedoch kein Mensch loslösen von der Gemeinschaft, in welcher er sein Gepräge empfangen hat. Jeder Missionar steht im Zusammenhang mit einer bestimmten Kirche und auch mehr oder minder mit einer theologischen Richtung. Das sind die menschlichen und örtlich bestimmten Verschiedenheiten innerhalb des Protestantismus, welche bemerklich genug auch


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in der Mission zu Tage treten. Wir haben in China die Vertreter von nahezu 50 abgegrenzten Missionsgesellschaften, welche fast ebenso viele getrennte Kirchenkörper repräsentieren. Manche Missionare sind statutarisch verpflichtet, ihre heimatlichen Eigentümlichkeiten strenge festzuhalten und auf die Missionsgemeinden zu übertragen. Dazu kommen noch die nationalen Verschiedenheiten von Engländern, Amerikanern, Kanadiern, Deutschen, Schweden, Australiern und Dänen in Betracht. Das erschwert sehr die Einigkeit im Geiste unter etwa 1500 Glaubensboten (männliche und weibliche). Dennoch ist die ideale Einheit vorhanden und kommt auch gelegentlich zum Ausdruck. Oberflächliche Beobachter werden jedoch leicht irre geleitet. Die Mannigfaltigkeit ist durchaus kein Schade (Sic! Schade, K. J.), sondern ein Gewinn. Verderblich wirkt die Verschiedenheit nur, wenn sie zur Sektiererei und gegenseitiger Verketzerung ausartet. Die Wahrheit ist allerdings nur eine, aber die Auffassungen derselben Wahrheit sind immer verschieden, individuell bedingt. Die eine Geisteswahrheit zerlegt sich aber auch in unendlich viele Einzelwahrheiten und kein Mensch wird je die Gesamtheit aller Wahrheiten in seiner Erkenntnis vereinigen. Wo Leben ist, da muß Mannigfaltigkeit herrschen, und je besser das Leben gepflegt wird, desto größer und zahlreicher werden die Variationen. So ist es in jeder Kultur. Wir sollten uns darum freuen über die reiche Mannigfaltigkeit im Protestantismus und Gott dafür danken, aber uns dessen auch bewußt bleiben, das in allen lebendigen Gliedern dasselbe Leben, Leben aus Gott, pulsiert und daß der Geist Christi das Band der Liebe ist.
    Weiter ist der Missionar aber auch ein Träger der westlichen Kultur, er mag wollen oder nicht, ob ein Gelehrter von Haus aus oder ein ehemaliger Handwerker. Es giebt viele Gewohnheiten resp. Sitten, woran jedermann Teil hat, z. B. Reinlichkeit, Wahrhaftigkeit, dann kennen wir wissenschaftliche Resultate, welche ein Gemeingut aller geworden sind, z. B. Erklärung der Sonnen- und Mondfinsternisse. Vieles ist dem Elementarschüler der Westländer geläufig, was noch jenseits des Horizonts der Gelehrten Chinas liegt. Die allgemeinste Verbreitung elementarer Wahrheiten unter den Massen des chinesischen Volks ist aber von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Die Macht des Aberglaubens und der Vorurteile wird dadurch gebrochen. Selbst der einfachste Missionar kann auch manche Not lindern und manches Gute anregen. Ferner ist die allgemeine Moralität der Missionare höher als die beste der Chinesen, z. B. in Monogamie, Wahrheitssinn, Reinlichkeit und Reinheit, Ehrlichkeit, Mitgefühl etc. Der Einfluß der Missionare auf die Chinesen kann deshalb in der Regel nur segensreich sein und ist es auch. Nur sollte man nicht erwarten, daß ein sittliches Ideal in einer Generation erreichbar sei. In China steht der einzelne zu sehr im Zusammenhang mit der Gesellschaft,

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als daß er sich ungestört entwickeln könnte. Durch die Mission sind aber auch selbst die chinesischen Heiden zu mancherlei Wohlthätigkeit und moralischem Streben angeregt worden, wie die Errichtung von Findelhäusern, Freischulen, Hospitälern, Predigtlokalen, bessere Fürsorge für Blinde, Arme und Alte bezeugen.
    Der Missionar ist ferner aber auch Staatsangehöriger seines Heimatlandes und als solcher von seinem Konsul mit einem Paß versehen. So lange Pässe ausgestellt werden, ist es auch Ehrensache jeder Staatsregierung, daß der betreffende Staatsangehörige den bestehenden Verträgen gemäß behandelt werde. Abgesehen vom Recht wäre es auch sehr unpolitisch, der Mandarinwillkür irgend welchen Spielraum einzuräumen. Den Herren Konsuln und Ministern sollte es in jedem Falle gleichgültig sein, ob der Schutz- oder Rechtsbedürftige Forschungsreisender (Sic!, Endung ...er, K. J.) Kaufmann, Missionar oder sonst was ist, vor dem Gesetz ist er Paßinhaber und hat ein Recht, als solcher behandelt zu werden. Es ist sehr zu bedauern, daß Aufklärung über diesen Punkt an manchem Orte nötig scheint. Natürlich ist damit nicht gesagt, daß der Missionar unter allen Umständen auf sein Recht bestehen soll. Doch genug davon. Viel Wirrwarr kann in Zukunft vermieden werden, wenn die obigen drei Gesichtspunkte stets unterschieden werden: Der Missionar als Träger der Heilswahrheiten und göttlichen Lebens, als Träger westlicher Kultur und als Träger eines Passes der Staatsangehörigkeit.
    Über gegenwärtige Missionsarbeit und Missionserfolge in China will ich jetzt nicht reden. In einigen Monaten wird ein Handbuch die Presse verlassen, welches alles Material darlegen wird. Unsere Arbeit an den Chinesen ist nicht vergeblich. Ich habe mich überzeugen können, daß das Evangelium eine Kraft Gottes an den Herzen ist und aus Sündern selige Gotteskinder macht. Aber so muß es auch verkündet werden als Gotteskraft, welche die Herzen erneuert. Alle christlichen Tugenden, sozialen Reformen und auch die politische Regeneration erscheinen dann als natürliche Folge des neuen Lebens, wie Blüte und Frucht am lebenskräftigen Baum, zu rechter Zeit.


Schlußbetrachtung.


Diese bitte ich den gütigen Leser nun für sich selber anzustellen und dabei auch etwas nachzudenken über die eigene Stellung zu Christus, seine Erlösung der Welt, seinen Missionsbefehl, das Reich Gottes und China in historischer Beleuchtung.



ENDE TEXT: erschlossen von K. J.
::: Es folgt nun noch ein Anhang aus diesem Buch mit Verweis auf andere Bücher des Verlages.



VERLAG VON A. HAACK IN BERLIN.
Zeitschrift für Missionskunde und Religionswissenschaft. Organ des Allgemeinen evangelisch-protestantischen Missionsvereins. ausgegeben von Prediger Dr. Th. Arndt in Berlin, Pfarre E. Buss in Glarus und Pfarrer J. Happel in Heubach. Jährlich erscheinen vier Hefte im Umfang von 16-17 Boge Durch jede Buchhandlung und Postanstalt zu beziehen. 4.-

I. Schmiedel, Otto, Pfarrer und Missionar. Eine Woche in japanischen Christengemeinde zu Tokyo. Mit 2 Tafeln: Abbildungen von Kirche und Pfarrhaus. 4. Aufl. brosch. -.5 Partiepreis: 50 Exemplare 10.-
II. Schmiedel, Otto, Pfarrer und Missionar. Kultur- und Missionsbilder aus Japan. brosch. .5 Exemplare 10.- brosch. .5 Partiepreis: 50 Exemplare 10.-
III. Munzinger, Carl, Pfarrer. Aus dem Lande der aufgehenden Sonne.
brosch. -.5 Partiepreis: 50 Exemplare 10.-
IV. Lipsius, D. Richard Adelbert, Geh. Kirchenrat Prof. Unsere Aufgabe in Ostasien. Mit einem Lebensbilde des Verfassers Pred. Lic. Dr. Paul Kirmss. Mit 1 Abbildung: Richard Ade brosch. Lipsius. 2. Aufl. -.5 Partiepreis: 50 Exemplare 10.-
V. Kranz, Paul*, Pfarrer und Missionar. Eine Missionsreise auf Yang tze kiang in China im Mai 1894. Mit einer Abbildung einer Kartenskizze. 2. Aufl. brosch. -.5 Partiepreis: 50 Exemplare 10.- Zu beziehen durch alle Buchhandlungen. ―
VI. Faber, Ernst, Missionar Dr. theol. China in historischer Beleuchtung. Eine Denkschrift zu seinem 30jährigen Dienstjubiläum als Missionar in China. Mit zwei Abbildungen und einer Karte (Doppelflugschrift.) brosch. 1.- Partiepreis: 50 Exemplare 20.-



* ANMERKUNG K. J: Der Ernst-Faber-Kollege in Shanghai, Missionar Paul Kranz (* 13.3.1866, Gutenberg bei Halle | + 2.4.1920, Wolmirstedt, das liegt heute im Landkreis Börde, Sachsen-Anhalt) schrieb über Fabers Leben ein Buch. Paul Kranz, der ab 3.10.1992 als zweiter AEMP-Missionar (nach Faber) in China eintrifft, verfasste die ausführliche Biografie: „Ernst Faber.“, Berlin 1901, mit einer Bibliographie seiner zahlreichen Publikationen in Deutsch, Englisch und Chinesisch. Kranz und Faber waren ab 1892 beide gemeinsam für den AEPM, den Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsverein, in Shanghai (für China) ansässig. Faber sollte dann 1898 nach Tsingtau wechseln, um dort eine weitere Missionsstation für den AEPM aufzubauen. Kranz hat ihn dort (weil Faber erkrankte) auch ein paar Monate noch vertreten. Er, Kranz, wird aber dann weiterhin in Shanghai bleiben, wo er auch Pfarrer für die deutsche Gemeinde war. 1902 tritt Kranz aus dem AEPM aus. 1910 wird er China für immer verlassen und nach Deutschland zurückkehren. (Siehe auch die Angaben bei tsingtau.org.) Richard Wilhelm (1869–1935) hingegen wird der Missionsnachfolger für den verstorbenen Faber in Tsingtau.




Dieser Text wurde grundlegend am 09.10.2023 erstellt und als ein offener, fließender Online-Text zusammengebaut. Dann wurde er noch gecheckt, also mit dem Frakturschrift-Original abgeglichen, und zwar am 9.10. und 10.10. und 11.10.2023. Auch noch mal am 21.12.2023 und 22.12.2023. Es können sich immer noch Fehler, auch aus meiner eigenen Unwissenheit, in der Web-Page-Version verstecken. Denken Sie allein an die Tatsache, dass I und Jot in der Frakturschrift beide mit J ausgedruckt werden; bei ausländischen und chinesischen Namen sollte man dann stets wissen, was typischer wäre. Zugleich muss die chinesische Schrift bzw. müssen die chinesischen Schriftzeichen in lateinische Schrift transkribiert werden. Dazu gab es etliche Umwandlungssysteme, eine generelles Problem auch für Missionare aus Deutschland in China. Wir nehmen hier natürlich die Schreibungen des Ernst Faber, die er Personen und Orten und Regionen und Dynastien et al. in seinem Werk von 1895 gab. Also seine Schreibweisen. K. J.



UND EINE KLEINE BIBLIOGRAFIE ZU ERNST FABER FINDEN SIE HIER BEI DIESEM LINK:
DIREKT-LINK LISTE Bücher und Publikationen von Ernst Faber



Hier unten ↓ auf der Karte der Baseler Missionsgesellschaft von etwa 1930 sehen wir die große Stadt Kanton und Fumun (hier als Taiping-Fumun = Missionsstation nun bezeichnet), wo Faber seine Missionsarbeit begann. 1865 kam er in China an, in der Provinz Canton/Kwantung und nahebei arbeitete er dann offenbar bis 1886, zuletzt dort aber in Hongkong wohnend. 1885 schloss er sich neu an den Allgemeinen Evang.-protestantischen Missionsverein (AEPM) (spätere "Ostasienmission") an. 1886 dann ein Wechsel nach Shanghai. (Die weißen Pfeile sind von K. J., Kartenausschnitt hier auch von ihm verkleinert.) [X]




WO ERNST FABER ANFANGS ↓ WIRKTE, IN CHINA, BIS ER NACH SHANGHAI UMZOG: IN FUMUN (heutiger Name "Humen Town", darin übrigens auch Taiping aufgegangen, nun, 2023, hat all das knapp 600.000 Einwohner), Fumun ... am Perlflussdelta gelegen. Da war seine Basis. In der  Provinz Canton bzw. Kwang Tung. Die große Stadt hieß selber auch Canton/Kanton. Unten "hängen" links ((bezogen auf (halblinks in der Mitte) diese große Bucht)) Macao ... und rechts Hongkong.↓




Auszug/Ausschnitt aus "Originalkarte der Provinz Kwang Tung (Canton) zur Übersicht der Deutschen Missions-Stationen" von J. Nacken (angefertigt) aus: Mittheilungen aus Justus Perthes' Geographischer Anstalt über Wichtige Neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie von Dr. A. Petermann. [[ Volume 24, Tafel 22, 1878. ]] Ausschnitt hier angefertigt von K. J. am 28.10.2023. [X] Public Domain.






Tsingtau und das sogenannte Deutsche Pachtgebiet Kiautschou. Ernst Faber ging kurz vor seinem Tod (+ 1899) dauerhaft von Shanghai nach Tsingtau (in das neue "Pachtgebiet" der Deutschen,  Kiautschou, im Prinzip eine weitere deutsche Kolonie), um dort eine neue Missionsstation aufzubauen. Er starb dort aber sehr bald und wurde in Tsingtau begraben. Die Landkarte, hier der Ausschnitt, ist gemeinfrei,  Public Domain, und findet sich bei Wikimedia Commons. Direkt-Link zu diesem Kartenausschnitt bei Wikimedia: Lange-Diercke – Sächsischer Schulatlas, Hrsg. unter Mitwirkung des Dresdner Lehrervereins, Ausgabe für Dresden, circa 1930. Basis dafür offenbar ein im Verlag Georg Westermann, Braunschweig, erschienener Schulatlas bzw. das Kartopraphische Werk für diesen.[X]

 

 

 

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Ernst Faber, 1895, "China in historischer Beleuchtung" ||| komplett als offener Online-Text

UND EINE KLEINE BIBLIOGRAFIE ZU ERNST FABER IST HIER: DIREKT-LINK buecher-und-publikationen-von-ernst-faber.htm







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