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Der Essay zum Thema #Aufschreiben




Ein Text von Klaus Jans (2012)


 


W
ARUM WIR


V
IELES


W
ARUM



AUFSCHREIBEN



Alles was ich sage und schreibe, macht keinen Sinn.

Jedes Wort steht zwar da, aber es will nichts bedeuten. Aus sich selbst heraus, meine ich. Erst will etwas vom Sinn durch uns selbst hinzugefügt sein.

Wir haben schon so viel von den Dingen berichtet und über die Geschehnisse nachgedacht. Sätze füllen wir. Mit diesen Worten. Blätter oder weiße Flächen im Computer. Schwarze Schemen besetzen das leere Weiß.

Es sind jedoch nur Formen, die wir einzeln mit Inhalt behaften, bis sich daraus etwas ergibt, mit dem wir umgehen können.

Dabei sagen diese Worte als solche so gut wie nichts.

Sie mögen zusammenhängen, man kann sie lesen. Sie ergeben eine Lautfolge.

Aber wo soll der Sinn liegen? Der tiefere Sinn? Der eigentliche Sinn?

Würde ich rausgehen, durch die Tür, könnte ich sagen: "Ich gehe nun zur Tür raus."

Genau das aber tue ich nicht. Nein, ich sage nichts, wenn ich es tue. Aus gutem Grund.

Man sieht, was geschieht. Man hört es auch. So begreifen wir die Welt. Man muss es nicht mehr sagen, wenn etwas passiert.

Es ist nicht gänzlich unmöglich, etwas zu äußern, beim Zur-Türe-Hinausgehen eines anderen, aber in den meisten Fällen wohl doch ziemlich unnötig.

Alle Sinne, dazu die Ereignisse, hernach aber so oft diese sprachliche Interpretation. Letzteres auch schon während des eigentlichen Vorganges. Parallelkommentierung. Vorgang – Sprache.

Der Einwand: Da braucht man nichts mehr in Worte zu bringen, die ausgestoßen werden wie Fremdlinge.

Wenn ein Jemand einen Raum verlässt, dazu die Türe öffnet und dann seinen Körper durch diese Türe hindurchbringt, werden alle ahnen, dass es nun wahr geworden ist, was vorher in der Befürchtung der Gesichter geschrieben stand.

Geschrieben? Wieso die dezente Angst? Wovor?

Also: Die Befürchtung stand in den Gesichtern der anderen, die in demselben Raum weilten. Denn auch sie überlegten: Wird er gehen, wird er bleiben? Sobald das Aufstehen vom Stuhl wahrgenommen wurde, war ein Verbleiben des Menschen mehr als Ungewiss. Die Beobachtenden litten sehr.

Das meiste sagten uns die Augen.

Aber da war auch das Knarzen des Stuhles; trockene Geräusche, die ins Ohr stachen.

Wie kann etwas ins Ohr stechen, was ja nur ein Geräusch ist, welches das Gehör wahrzunehmen hat?

Aber so ist die Sprache. Sie transportiert alle diese Dinge in neue Bilder. So kommen wir vom Stich zum Ohr, und doch war da nichts, kein Messer, kein Tier mit einem Stachel, keine Nadel. Nur das Geräusch.

Ein Knarzen?

Wir belügen uns doch eigentlich mit unserer Sprache. Dabei wäre es wesentlich friedvoller, wenn wir darauf verzichten würden.

Da geht einer raus.

Nun gut: Er ist also aufgestanden, dann durch die Tür gegangen, hat diese geschlossen. Wir schauen.

Hernach war die Tür also zu und der Mensch weg. Wir haben es gesehen, gehört, vielleicht gerochen. Außerdem haben ein paar von uns diesen Luftzug gespürt, der angeflogen kam, weil die Tür auf- und zuging. Die Luft veränderte sich auch in ihren Massen, weil ein Mensch die Luft durch seine Aufsteh- und Gehbewegung neu verteilt hatte.

Fliegt die Luft denn?

Wissenschaftler wissen, warum das so ist. Mit dem Spüren. Sie könnten eine Studie vorlegen, mit vielen Seiten Sprache, und natürlich auch Zahlen – darin würden sie nachweisen, dass die Luft sich verändern muss, wenn ein Mensch aufsteht, wenn ein Mensch geht ... und wenn dieser dann auch noch die Tür öffnet.

Aber das wusste ich alles zuvor.

Viele Dinge sind uns doch so schon bewusst. Ohne lange Erklärungen.

Etwas Wissen und etwas intuitives Kennen. Von allem etwas. So funktionieren wir meist ganz gut. Der Mensch: eine Melange.

Türen sind offen oder zu.

Als Stufe darüber hinaus gibt es auch noch die verschlossenen oder abgeschlossene Tür.

Zum Zusein kommt die Variation mit dem Schloss hinzu.

Solange ich keinen Schlüssel sehe, der sich dreht, oder höre, wie er sich dreht, gehe ich davon aus, dass die Tür eben nicht abgeschlossen war.

Schluss, aus, finito. (Ich vergaß den Riegel als Schließvariante.)

Wer nicht ganz verblödet ist, oder wer nicht an den Sinnen beeinträchtigt ist, z. B. durch eine Krankheit, dass er nicht mehr richtig riechen kann, der weiß doch um die Tür.

Eine Tür kennt irgendwie jeder. Auf, zu. Raus.

Ich finde, wir machen um diese Dinge viel zu viel Buhai ... also Getue.

Alles wird in Sprache gegossen, mit Sprache ummantelt. Die kleinsten und auch die klarsten Vorgänge werden so eigentlich dem Geschehen entrissen.

Die Sprache macht also das Geschehen weg und erschafft es neu, aber dann als verhülltes.

Die Sprache dient der Verhüllung einer Tür, in unserem Beispiel. Des Öffnens dieser Tür. Und auch dem Verstecken der Person, die diese Tür geöffnet hat. Sprache kleistert zu.

Die Handlung ist zudem in Worte gepackt und damit schon nicht mehr so da, wie sie wirklich war. Tücher, Schleier, Kartons ... irgendetwas breiten wir über der realen Tür mit unserer Sprache aus. Nachher ist alles anders als es zuvor war.

Wie war es denn?

Gut, wir kennen die Gründe nicht. Warum macht der Mann das?

Oft wissen wir gar nichts.

Aber wir sehen den Vorgang.

Natürlich wird sofort spekuliert. Warum geht der denn jetzt raus? Muss der auf die Toilette oder wie?

Schon wurde der Vorgang bewertet. Dazu nimmt der Mensch dann die Sprache. Erfassen, bewerten, verarbeiten. Mit eigenen Erfahrungen abgleichen. Auch mit medial erfassten Erfahrungen in Bezug bringen. Das Hirn und das Empfinden. Und sehr schnell.

Nochmals: Ich schreibe hier auf Deutsch, weil das meine erste Sprache ist.

Aber das Prinzip wird sich doch so oder so übertragen lassen.

Vielleicht auf alle Weltsprachen.

Die Menschen handeln ... und während und/oder nach der Handlung liegt schon die Verarbeitung in Gedanken als Sprache vor. Die Umwandlung des Geschehenen in eine bleibende Form. Es könnte die Ewigkeit sein, und auch für die Ewigkeit.

Sicher, wir wollten wissen, wer alles in dem Raum, war, der verlassen wurde. Und warum.

Diese ganzen Informationen, die dem Vorgang einen Hintergrund geben, einen Verstehensrahmen.

Wenn ich selber in dem Raum sitze, werde ich schon wissen, was bis hierher passiert war. Oder nicht?

Sitze ich beim Arzt und einer steht auf, dann nehme ich an, dass da ein Patient aufsteht. Ein Mitpatient.

Das könnte aber auch wieder ganz anders sein. Alles kann anders sein, als ich es sehe. Denn mir fehlt immer ein Teil der Information.

Die Sprache hilft mir nun, das Loch zu schließen. Ich selber mache da etwas rein, wo eine offensichtliche Lücke ist. Loch – Lücke.

Im Vorwissen ist immer eine Lücke. Ein Loch wäre noch mehr als eine Lücke. Eventuell tiefer. Loch und Lücke haben auch mit Raum zu tun. Man sollte den Ereignissen ihren Raum geben. Ob als Lücke oder Loch. "Raum" kommt immer gut.

Auch wenn ich bei diesem Arzt schon drei Stunden gesessen hätte, im Wartezimmer, und hätte alle Menschen gesehen, wie sie ankommen, ihre Mäntel ablegen und sich einen Stuhl suchen – selbst dann habe ich noch zu viele Loch-Lücken, um das Aufstehen und Rausgehen mit dem Tür-Öffnen und Tür-Schließen im Raum richtig zu bewerten.

Das ist im Eigentlichen eine große Tragik. Man würde darüber jammern wollen, weil das Wort so schön ist. Jammern! Aber dann ist es wieder Sprache ... die wir gar nicht brauchen sollten. Nicht brauchen müssten.

Dass der Raum, von dem ich sprach, also schrieb, beim Arzt ist, war eine von 1.000 oder gar 100.000 Möglichkeiten.

Unendlich wäre es auch. Unser Dasein. Unendlich.

Das Leben soll unendlich sein, wenn man es in Sprache gießt. Sprache macht uns die Welt noch vielfältiger, als sie schon ist. So wird multipliziert und potenziert.

Sollte ich mal nicht mehr sein, dann sind diese Worte noch da. Sie sagen etwas über mich aus. Aber was genau?

Sagen sie nicht aus, dass dieser Mensch etwas in Sprache umgesetzt hat, was man doch sehen konnte? Sehen und insgesamt wahrnehmen. Mit allen Sinnen. Jener Mann, der da in jenem Raum ...

Aber dann kommt wieder die Einschränkung: Wir sehen und erleben nur das Jetzt und Hier – aber wie viel ist da von der Vorgeschichte drin?

Etwas doch immer. Bei jedem Sehen gibt es auch eine Vorgeschichte, die wir mitsehen.

Wir sehen jetzt auch etwas vom Vorher.

Hat ein Mensch im Wartezimmer Mutterboden an den Händen, dann könnte ein Teil der Vorgeschichte sein, dass er zuvor im Garten Blumen gesetzt hat.

Kleine Stiefmütterchen.

Hinter allem aber lauert das "könnte". Ein "könnte" ist unser Leben. Wir wissen nichts genau. Weder über uns selbst noch über die uns Nächsten. Auch nicht über die beim Arzt.

Nur vage Ideen ziehen und schleifen wir mit.

Wir bekommen nichts wirklich mit, was realiter passiert.

Wirklich, realiter? Worte sind es. Es wären am Ende doch nur Erscheinungen. Verarbeitetes Lebensmaterial.

Wir sehen vieles. Aber: Es ganz und gar mitbekommen – das ist schon etwas anderes.

Da wäre die Idee, dass ein Sehen und ein Verarbeiten des Sehens nicht das Gleiche ist. Wobei Sehen nur eine Teilfähigkeit des Wahrnehmens insgesamt ist. Sehen ist schon eine unzulässige Reduktion.

Aber bleiben wir beim Sehen allein: Eine Fliege in diesem Wartezimmer und ich könnten beide Ähnliches sehen, wenn wir bei dem Aufstehen und Rausgehen unserer Mann-beim-Arzt-Geschichte bleiben.

Aber wie verarbeitet das die Fliege? Wir verarbeite ich das? Ein Mann, der aufsteht, dann zur Tür geht, den Raum verlässt und die Tür schließt.

Da sind wir wieder bei den Worten. Den Worten des Menschen.

Die Fliege könnte auch welche haben, aber wir kennen diese nicht oder so ganz genau nicht.

Sollte die Fliege keine Worte und keine Sprache (in welchem Sinne auch immer) haben, dann würde man (als diese Fliege) nichts verarbeiten. Dann würde man nichts umgießen, in diese andere Form von Erkenntnis, die erst in der Sprache "gerinnt" oder sich dann auch noch verfestigt.

Darauf sind wir Menschen doch so furchtbar stolz: auf unsere Sprache. Deshalb belächeln wir fast alle Tiere von ganz oben herab. Die Wale können wir ja kaum verstehen.

Wenn dann des Menschen Sprache da ist, im Kopf, im Mund, dann auch noch aufgeschrieben ist – und zwar kaum etwas von dem, was wirklich passierte –, ist der Vorgang oft schon vollständig vorbei.

Dann wäre nach dem Aufstehen und Rausgehen jenes Mannes im Zimmer die geschriebene Sprache nur das armselige, übrigbleibende Resultat.

Übriggebliebene? Wozu brauche ich ein Resultat?

Der Vorgang war doch brisant und aktionsreich.

Hatten wir nicht geklärt, dass die Vorgeschichte offen ist? Hatten wir das nicht?!

Sicher, es gibt Indizien. So arbeitet auch die Polizei. Deshalb habe ich eben beispielsweise von dem Mutterboden an den Händen gesprochen.

Es könnte auf eine Pflanzungsaktion oder Auspflanzungsaktion des Patienten hindeuten. (Zwischenfrage: Ist einer im Wartezimmer eigentlich schon per se ein Patient?)

Aber sicher sind wir uns nicht. Wir wissen nicht, ob tatsächlich gepflanzt wurde. Wir wissen nicht, was gepflanzt wurde. Wir wissen nicht, wo gepflanzt wurde.

So viele Unwägbarkeiten.

Das alles bei so einem scheinbar klaren Indiz wie Mutterboden!

Sobald man neu und anders denkt, sieht es so aus: Der Mann könnte doch, bevor er beim Arzt das Wartezimmer betreten hatte, eine Tüte Mutterboden gekauft haben, weil vor dem Wartezimmer oder dem Haus mit der Arztpraxis eine Person steht/stand, die Mutterboden verkauft.

Das hört sich seltsam und ungewohnt an.

Wer aber sagt uns, dass das Leben immer vorhersehbar und den Routinen folgend abläuft?

Unsere Erfahrung sagt vieles, aber sie kann uns keine Gewissheit geben.

Deshalb schreibe ich mir beim Arzt lieber noch einmal auf, dass da ein Mann ist, der jetzt aufsteht, die Türe öffnet und dann den Raum verlässt.

Das gibt mir Halt. Ich habe einen Stift in der Hand.

Mit dem Mutterboden an den Fingern, das schreibe ich mir auch mal auf.

Ich sitze ja im Wartezimmer. Da habe ich Zeit zum Warten, und vielleicht auch zum Schreiben.

Was aber, wenn die meinige Furcht vor dem Arzt mein Schreiben verändert?

Das könnte doch sein.

Dann wäre es erstens so, dass die Sprache immer schon eine Verarbeitung und Verfremdung einer real erlebten Situation sein könnte. Hinzu kämen aber noch Verfälschungen, die mit meinem eigenen Zustand als Mensch zu tun haben könnten.

In dieser Lage hätte ich etwas geschrieben, was nicht bewiesen wäre. Zudem könnte es sein, dass meine Beobachtung von innen her getrübt wäre. Aber auch so, dass die Umwandlung in Worte einer "Trübung" unterläge.

Dann wäre die ganze Situation schon sehr stark verändert worden. Durch mein Zutun.

Obwohl ich nichts getan hätte, in dem besagten Moment, als der Mann den Raum ... (Sie wissen, was ich sagen will), so hätte ich doch alles verfälscht, und zwar mehrfach oder gar zigfach, als ich es aufschrieb.

Die Sprache hat alles komplett verändert, was in diesem Moment erfahrbar war. Live. Vor Ort. Mit meinem Körper, meiner ureigensten Sinnerfassung sowie Sinngebung.

Dazu jener Mann, der rausgehende Mann.

Schriebe ich es gar zuhause auf, würde wohl noch mehr an allem anders sein. Anders von mir erfasst sein.

Die Worte selbst haben mich von der Situation weggebracht, aber auch der Umstand, wann und wie (vor allem: mit welchem Gefühl zu mir selbst) ich diese Worte schreibe, bringt alles durcheinander.

Damit haben wir Sprache als großes Durcheinander, die (fast?) nichts mehr mit dem zu tun hat, was der Grund war, dass sie entstand. Zumindest in jener Schreibe über das Wartezimmererlebnis. Ein Mann steht auf ...

Wenn das Leben schon durcheinander ist, oder auch seltsam, dann kann die Sprache das doch nur spiegeln.

Verschlimmern kann sie alles aber auch.

Spiegeln, verschlimmern, wahrscheinlich eher noch: verzerren.

Sie tut es auf ihre Weise, weil sie Dinge, die man erlebt hat, oder erlebt zu haben glaubte, dann in diese Dinge umsetzt, die unsere Augen hier ablesen: Buchstaben, Worte. Sätze, Absätze. Folgen, Ketten, Ideen. Alles das. Wir machen dann was daraus.

Während wir das lesen, geht noch unser neuer Ist-Zustand in das Lesen ein. Nicht nur, wann jemand etwas aufschrieb, und unter welchen Bedingungen, wäre ja wichtig, sondern auch der Zustand, in dem er das danach liest.

So wird aus einer "verschlossenen Tür" dann vielleicht ein großes Symbol.

Das Leben ist verschlossen, alle Chancen sind wie versteckt oder weggesperrt, man darf nicht raus, man ist gefangen, es gibt keinen Ausweg.

Das Öffnen der Tür im Wartezimmer durch diesen einen Mitpatienten – wenn es einer war – könnte alles dieses wieder ganz durcheinandergebracht haben. Denn der Nachherlesende liest seine eigenen Gefühle mit in diese Sprache hinein.

Auch wenn es der Autor selbst wäre, so würde er es hernach immer anders lesen, als es vorher war.

Schreiben verfälscht. Das Lesen vom Geschriebenen verfälscht zudem.

Denn über jedem Wort liegt ein Hauch, kein Sinn ist deutlich, nichts ist klar. Kein Wort fasst richtig etwas von der Wirklichkeit.

Es sind immer nur Elemente dieser Wirklichkeit. Jener Wirklichkeit, die der Mensch sich als "Wirklichkeit" zuerkennt.

Die Worte danach können aber ausklammern, was an Vielfalt beim Geschehen da war.

Während der Mann hinausging, könnte ein Vogel gepfiffen haben, was der Schreibende aber überhörte, da er doch dabei nur an den Mann dachte, und die Gründe, die den Mann bewogen haben aufzustehen, bis dieser dann auch noch den Raum gänzlich verließe.

Diese Sprache also birgt das eine, vergisst aber das andere. So ist es immer. Wenn ich nur schreibe "sie spricht", bedeutet das, dass ich alles andere, was passiert, ausklammere, weil nur "sie" jetzt spricht. Wer aber ist jetzt diese sie?

Sollte ich dann noch einen Satz hinterherschieben, dass da ein Mann aufstand, so würde das nicht der Situation gerecht, die ja alles gleichzeitig geschehen lässt, was ich nun unterteile. In sprachlich-chronologische Unterteile.

Zurück zur "sie". Diese "sie" könnte eine Mitwartende sein. Diese "sie" könnte auch die Sprechstundenhilfe sein, die ich durch die Türe höre. (War die Tür möglicherweise aus Glas? Durchsichtig?)

Vielleicht ist der besagte und beschriebene Mann ganz gegangen, weil er Angst hat, dass man bei ihm Krebs konstatiert. Sollte er Untersuchungsergebnisse mitgeteilt bekommen? Von ihr? Vom Arzt?

Ist er nur deshalb aufgestanden? War es eine Flucht vor der Wahrheit?

So schaute ich nun zur Garderobe, ob da ein Mantel verschwunden wäre. Nur das: ein Mantel.

Der verschwundene Mantel wäre der Beweis, dass jemand ganz gegangen wäre, also dieser Mann da, den ich zuvor sah. Er könnte dann kaum auf Toilette sein, wenn er den Mantel mitnimmt und geht. Oder setzt sich jemand doch mit Mantel auf die Toilette? Hätte er den Mantel dann auf dem Schoß, während er auf der Klobrille sitzt? Für welche Kultur spricht das Vorhandensein einer Klobrille? Für welche Länder?

Sollte er aber dann doch gänzlich ohne Mantel oder Jacke oder irgendetwas zum Um-sich-Umhängen an jenem Tag zum Arzt gekommen sein, brächte das Beobachten des Mantelfehlens durch mich nichts. Es hatte ja gar keinen gegeben.

Für diesen von vornherein mantellosen Fall könnte er einerseits ganz gegangen sein, aber andererseits durchaus auch ins Sprechzimmer des Arztes gelangt sein. Selbst der Besuch der Toilette schlösse sich so nicht mehr vollständig aus. (Aber das galt vorher auch schon.)

In diesen Betrachtungen verfangen entging mir alles andere, was mir nicht entgehen sollte. Auch ein Pfeifen. Ich nahm dennoch den Vogel als Idee für die Ursache des Pfeifens. Gehört habe/hatte ich aber nichts.

Denn ein Mann, der aufsteht, zur Türe geht, diese öffnet, um sie dann zu schließen, der lässt mich nicht mehr in Ruhe.

Dabei war auch diese Arztpraxis nur eine Annahme.

Es gäbe tausende Räume, Zimmer, Kammern, ja: Säle, wo jemand aufstehen könnte ... bis er dann aus diesem umwandeten Areal verschwunden wäre.

Meine Hypothesen sollen eher mich beruhigen, als dass sie einen Aufschluss geben könnten, über das, was wirklich passiert, oder wirklich geschehen ist. (Sind wir in der Realität des Jetzt. Oder ist alles längst vorbei?)

In gewisser Weise bin ich überaus hilflos und weiß mir nie und nimmer zu helfen, außer eben, dass ich alles in Worte kleide, die dann ganze Konfektionen aus Sätzen ergeben, die ich hier schreibend niederlege.

So hülle ich mich in die Sprache, um der Kälte dieser Räumlichkeit zu entgehen, in der – vermeintlich – jemand aufgestanden ist.

Nun ist die Person fort.

Eben war sie noch da. In meinen Gedanken. In meinen Worten.

Nun aber ist sie fort.

Denn ich will von dieser Person nichts mehr wissen.

Sie könnte eine Frau sein, die vor 20 Jahren mein Herz bewegte.

Aber daran will ich gar nicht erst denken. Belassen wir es besser bei dem Mann. (Hatte er nicht Mutterboden an den Händen?)

Ich schreibe das lieber mal auf, um es nicht noch alles zu denken.

Die Worte machen mein Denken leer, indem sie dieses Denken in sich versiegeln.

Was dann raus ist, ist raus. Verwortet. Weg. Passé.

So habe ich es immer erhofft. So habe ich es allen erzählt, die mich jemals darauf ansprachen.

Und nun sehen wir, wohin das führt.

Dieses und jenes muss nun beschrieben und erschrieben werden. Ich komme aus alledem, was ich mir hier selber erzeugt habe, kaum noch heraus.

Am Ende schreibe ich gar nicht selber.

Ist es nicht der Klassiker in all dieser so benannten Literatur? Wir schreiben es nicht selber, nein, eine unsichtbare Hand führt uns.

Warum aber will die Hand, dass dieses nun hier steht? Warum will sie nicht etwas anderes? Ist es so interessant, was ich denke ... meine, zu denken meine ... und dann hier aufschreibe, um es dann doch wieder vollkommen zu verfälschen?

So richtig interessant? Aufregend gar?

Was ich schreibe, ist doch immer auch die Verarbeitung des Geschehenen.

Und was hier geschieht, ist mir selber nicht ganz klar. Ist es denn geschehen?

Ist es immer noch der Mann aus dem Zimmer, welches ich als erste Hypothese als ein Sprechzimmer bei einem Arzt annahm?

Als und als?

Worüber schreibe ich?

Warum nahm ich nicht das Sprechzimmer einer Ärztin?

Gehe ich denn nicht zur Ärztin?

Gehe ich überhaupt jemals zum Arzt?

Falls ich das tue: Mache ich das, um geheilt zu werden, oder wäre ein tieferliegender Grund das Aufschreiben meiner Hypothesen?

Könnte es demnach nicht sein, dass das Aufschreiben meiner Hypothesen eine Art von Heilung wäre?

Dann müssten wir alle zusammen erschließen, welche Krankheit so etwas erfordert.

Denn hier befassen wir uns nicht mit einem verbreiteten (und gewiss üblichen) Tagebuch, sondern mit der Streuung von Zweifeln von einem möglichen Tagebuchschreiber, der sich aber dann doch tiefer in den Worten verirrt, um sich später als Literat zu behaupten.

Behauptet er also, ein Literat zu sein?

Überhaupt: Wer soll ihn von was heilen?

Oder ist sein Problem, dass er zu viel mit Worten macht? Hat er sich also in den Worten verloren?

Müsste er dann nicht diese Worte ablegen?

Wäre es nicht besser, der Mantel aus Sprache, in den er sich und sein Leben zu hüllen pflegt, würde nun endlich in die Garderobe kommen? Oder sanft über die Lehne eines Sessels?

Der Schreiber dieser Zeilen hilft uns nicht viel weiter, weil er doch selber das beschreibt, worüber er schreibt.

Demnach bewegt er sich in seiner eigenen ihm Sinn (und Halt?) gebenden Schleife.

Aber was denken wir als Leser dazu?

Zumal einer der Leser seiner selbst der Schreiber ist, der sich dann wiederum nicht zu schade ist, neuen Text zu generieren?

Ich vermag nicht zu erklären, wozu das alles führt.

Sie wissen es selber: Es kann zu nichts führen.

Der Text wird zu Ende gehen und wir werden etwas mehr wissen. Aber wenn man diese "mehr" richtig bewertet, wird sich ergeben, dass es eigentlich nichts war.

Das Nichts an mehr.

Das Neue war nicht neu.

Die Gedanken kennt jeder so oder anders, aber im Kern immer noch "so".

Wozu diese aufschreiben?

Der einzige Gewinn ist, dass derart eine Phase des Lebens wieder in Text verbracht wurde und somit in einer archivwürdigen Form dasteht.

Alles steht da.

Man kann es nun abheften, man kann es weglegen. Auch speichern. Reine Medienfrage.

Man kann es so in das universale Gedächtnis der Menschheit einbringen.

Aber was soll die Menschheit dann davon haben?

Man könnte in 100 Jahren einen Archivar beauftragen, diesen Text hervorzuholen, aus den Reservaten, um das ganze Verranntsein der Menschen samt ihrer Sprache nochmals zu überdenken.

Sollte der Text massenhaft gedruckt worden sein, könnte man sich das Archiv eventuell sogar ersparen. Der Text wäre da – und da ja auch noch. Überall. In irgendeinem Regal.

Aber wieso ins Archiv gehen? – Wegen der Handschrift?

Hier wird ohne Handschrift geschrieben. Deshalb gibt es später auch keine Handschrift zu betrachten oder gar zu analysieren. Der Text kann also direkt im Archiv bleiben. Unhervorgeholt. Niemand muss sich sich mit den codierten Buchstaben und Nummern befassen, über die der Text dem Archiv zum Auffinden zugeordnet wurde.

Es reichte, wenn er irgendwo noch zugänglich wäre, auf irgendeiner Festplatte. Besser noch auf einem Server. Via Internetsuchmaschine will ich ihn ausmachen können. Laden, lesen. Falls es überhaupt notwendig wäre.

Das Ganze um jenen Text dient dann nur dazu, dass man noch etwas nachweisen kann.

Nachweisen, wie Worte auf das Papier gelangen, welchen Kern von Geschehen sie überhaupt einbinden ... und dass doch immer alles zu spät ist.

Ich soll jetzt aufhören?

Das will ich gerne tun.

Worum ging es eigentlich? Ich habe ganz vergessen, was ich wozu aufschrieb, und worum es mir ging.

Ich müsste nun nochmals nachlesen.

Welchen Nachweis wollte ich führen?

Wäre dieser Nachweis nun erbracht?

Oder bräuchte es dazu noch 276 weitere Seiten?

So, jetzt schmiere ich mir ein Butterbrot.

Was hatte der Mann aus dem Wartezimmer bereits gegessen, als er dieses verließ? Oder noch eher: morgens, bevor es betrat? Ich weiß es immer noch nicht. Aß er auch von den Stiefmütterchen? Wieso sollte er Stiefmütterchen essen, als eines Tages dieser Vogel gepfiffen hat? Woher weiß ich davon? Knarzte der Vogel nicht? Und dann die Tür ... der Raum.

Die Körpersprache des Mannes! Mensch, die doch auch! Die haben wir ganz vergessen.

Fang besser nochmals an.

Und steh jetzt auf!


___
Der  Text wurde hier für die Homepage-Variante nochmals durchgesehen und evtl. rechtschreibemäßig korrigiert und auf die neuere Rechtschreibung angepasst.

EIN TEXT VON KLAUS JANS, Erstversion 24.1.2012 bis 26.1.2012




 






 





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